Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik

Pädagogen lesen nicht

 

 

Diese Überschrift trifft allerdings nur eine bestimmte Realität: Die, die sich auf Fachliteratur bezieht. Natürlich lesen Pädagogen auch. Viele von ihnen haben sogar viele Bücher daheim in den Regalen. Doch Schriften aus den Wissensgebiten der Erziehungswissenschaft, der Schulpädagogogik, der Psychologie oder der Soziologie, um nur einige grob verallgemeinernde Richtungen anzudeuten, fehlen zumeist.

Die Zurückhaltung in Bezug auf die Lektüre von Fachliteratur bei unseren Berufspädagogen ist bemerkenswert. Allein schon darum, weil diese Abstinenz ohne Folgen blieb. Jedenfalls ist mir kein Fall bekannt, dass es Reklamationen von Seiten der Eltern oder der Aufsichtsführenden Instanzen gab, weil Mängel in der Berufsausübung mit fehlendem Interesse am Studium von Fachliteratur in Verbindung gebracht wurden. Nun wäre es allerdings auch nicht möglich, einen derartigen Zusammenhang nachzuweisen. Es ist darüber hinaus auch ausgeschlossen, die mehr oder weniger ausgeprägte Distanz im Beruf stehender Pädagogen zu pädagogischer Fachliteratur, seien dies Aufsätze in Fachzeitschriften oder Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt zu zählen oder zu messen. Ich behaupte:

die Mehrzahl von Berufspädagogen in allen Schularten und Einrichtungen der Jugendhilfe vom Kindergarten bis zum Kinderheim interessieren sich nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung kaum noch oder überhaupt nicht mehr für die für sie bestimmte Literatur.

Diese Behauptung stütze ich auf eigene Erfahrungen im Umgang mit meinen Berufskolleginnen und -Kollegen. Selbstverständlich trage ich sie vor, ohne den Anspruch auf Repräsentativität zu erheben.

 

Bisher sind, falls es sie gegeben haben sollte, entsprechenden empirischen Untersuchungen nicht veröffentlicht. In Gesprächen mit Mitarbeiterinnen in den Redaktionen zweier pädagogischer Verlage wurde meiner oben erwähnten Behauptung nicht widersprochen. Eigene Erkenntnisse der Verlage aber zu diesem Verhalten von Berufspädagogen wurden mir nicht mitgeteilt. Derartige Daten, ob und wie viel sozialpädagogische Einrichtungen und Schulen oder leitende Fachkräfte aus diesen Arbeitsfeldern zu den Abonnenten ihrer Fachzeitschriften zählen, konnten bzw. durften sie mir nicht verraten.

Ich werde nun meine Erfahrungen zu diesem Problem mitteilen und gehe davon aus, dass die zu schilderten Einzelfälle, verallgemeinert werden können. 

 Anita leistet eine gute Arbeit in ihrer Tagesstätte. Sie leitet sie mit großem Engagement und sehr souverän. Ich kenne Anita jetzt seit zwanzig Jahren. Zwischendurch bekam sie ihre beiden Kinder. Ihr Mann hat einen Teilzeitarbeitsplatz und kümmert sich nachmittags um die Kinder, wenn sie aus dem Kindergarten und der Grundschule nach Hause kommen. Mit ihrem Team hat Anita eine überzeugende Konzeption erarbeitet. Immer dann, wenn sie oder eine ihrer Mitarbeiterinnen auf Fortbildung waren, sie besuchen gerne Veranstaltungen mit recht konkreten Inhalten wie zum Beispiel neue Spiele oder über den Umgang mit elektronischem Spielzeug, wird ausgewertet und in die Arbeit integriert, was an Neuem aus diesen Fortbildungen mitgebracht wurde. Doch jetzt kommt das Erstaunliche: Seit dem Abschluss ihres Studiums hat Anita kein Fachbuch mehr in die Hand genommen und gelesen.
„Warum nicht?“ hatte ich sie mal gefragt. Sie reagierte keineswegs verlegen, zögerte ein wenig, zuckte mit den Schultern und fragte dann zurück: „Warum sollte ich?“

 Ein privater Anlass führte mich in die Runde mehrerer Lehrerinnen und Lehrer. Unter diesen insgesamt neun Kolleginnen und Kollegen hatten drei von ihnen ihre letzten Prüfungen für das jeweilige Lehramt bereits vor vierzig und mehr Jahren abgeschlossen. Sie befanden sich also im Ruhestand. Alle neun Damen und Herren jedoch bestätigten gern und mit voller Überzeugung, dass sie eine von niemandem beanstandende Arbeit geleistet hätten. Und hierfür hatten sie keine Fachliteratur aus den Bereichen Schulpädagogik und –Didaktik, oder psychologische oder soziologische Titel gebraucht. Selbstverständlich aber verwenden sie Bücher: Es waren die für das jeweilige Fach in den Schulen zugelassenen Unterrichtswerke und die hierzu gehörenden didaktisch-methodischen Schriften. Und wenn der Verlag, für dessen Bücher sie sich an ihrer Schule irgendwann einmal entschieden hatten, seine Angebote aktualisiert – und die nötigen Mittel für die Anschaffungen vom Schulträger bereit gestellt werden – dann werden natürlich die neuen Unterrichtswerke und –Materialien verwendet. Diese unterliegen nach mal mehr mal weniger kurzen Zeiträumen recht deutlichen Veränderungen. Als Beispiel wurde in diesem Zusammenhang auf die Schriften von Arthur Kern (1902 – 1988) verwiesen, der in den fünfziger und sechziger Jahren mit der Idee der „Ganzheitsschule“ oder mit seinen „Schulreifetests“ in aller Munde war. Diese Konzepte des ganzheitlichen Rechnens oder des „Gestaltrechnens“ wie überhaupt die „Didaktischen Grundprinzipien im ganzheitlichen Unterricht“, die mehrere Studentengenerationen prägten, sind heute völlig unbekannt. Für Pädagogen nach meiner Meinung recht wertvolle Autoren wurden jedoch nicht gelesen. Einige waren wenigstens dem Namen nach bekannt.

Ein wenig anders sieht es an einer mir vertrauten Fachschule aus, an der künftige Erzieherinnen und Erzieher ausgebildet werden. Die Lehrerinnen und Lehrer, die dort Fächer aus den Bereichen sozialpädagogischer Praxis, Psychologie und Pädagogik unterrichten, verwenden als Literatur für die eigene Vorbereitung sowie als Lehrmittel für die Schülerinnen und Schüler gern jene Neuerscheinungen, die ihnen zusagen. Es gibt in den Lehrplänen und anderen Vorgaben der jeweils oberen Schulbehörden (Kultusministerien) zugelassene bzw. empfohlene Schriften, unter denen die das betreffende Fach unterrichtenden Damen und Herren, jenes auswählen, das ihnen als geeignet erscheint. An der Fachschule, die ich vor Augen habe, sind das die Unterrichtswerke, an denen einer ihrer Kollegen mitwirkte.

 An den allgemeinbildenden Gymnasien ist die Situation, was die Nutzung von Literatur mit pädagogischen, psychologischen oder sozialpsychologischen Inhalten betrifft noch dramatischer. Hier liegen die Ursachen für die entsprechende Zurückhaltung der dort wirkenden Fachkräfte tiefer und reichen in das berufliche Selbstverständnis.
Gymnasiallehrer lehnen es ab, pädagogisch zu wirken.
Diese Aussage mutet paradox an, angesichts der Erfahrung, dass sie, wie erwähnt, in den Tageszeitungen, spätestens in einem Nachruf, ja als Pädagogen gelobt werden. Ihr berufliches Selbstverständnis führen sie selbst aber auf ihr Fachstudium zurück. "Ich bin doch kein Erzieher, sondern Germanist", das erklärte mir erst kürzlich einer von ihnen und brachte damit recht eindeutig zum Ausdruck, worüber er bereit ist nachzudenken und worüber nicht. Dieses Selbstverständnis unterstrich der Vertreter des "Deutschen Lehrerverbandes", der die Ansprüche einer aus humanistischer Psychologie und Ergebnissen der Gehirnforschung gespeisten didaktischen Konzeption beiläufig als "pädagogische Romantik" abtat. (Sendung "Nachtcafe" am 29. 06. 2007 im SWF 3).

 
Möglicherweise, das wäre wert gründlich untersucht zu werden, verfügen Gymnasiallehrer über ein geringeres (schul-) pädagogisches Wissen und Können und über weniger Kenntnisse über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, als es vergleichsweise die Handwerkskammer von angehenden Meistern erwartet. Es widerspricht aber ein derartig eingeschränktes Berufsverständnis oder gar eine dieses Selbstverständnis fördernde Ausbildung oder berufsständische Politik, völlig der Erwartung von Seiten vieler einsichtiger Eltern und Schüler (und dem gesetzlich vorgeschriebenen Erziehungsauftrag), nach der in der Schule Pädagogen tätig sind. Und zwar Pädagogen, die diese anspruchsvolle Berufsbezeichnung auch verdienen. Noch einmal sei betont, dass Schüler und Eltern einen Anspruch darauf haben, dass gut ausgebildete Fachdidaktiker an unsere Schulen kommen und nicht Germanisten, Anglisten, Romanisten, Historiker oder wie auch immer die akademischen Studiengänge heißen. Es werden also Lehrpersonen gebraucht, die nicht nur wissen, was zu vermitteln ist, sondern die auch das "Wie" beherrschen und die bereit und in der Lage sind, in kompetenter Weise erzieherisch zu wirken. Längst hat die Unterrichtsforschung nachgewiesen, dass Schülerinnen und Schüler in der Schule umso motivierter lernen, je besser die Beziehungen zwischen ihnen und den Unterrichtenden sind Und das sollten auch die Lehrer unserer weiterführenden Schulen wissen und beachten! Ganz offenbar genügt es nicht, didaktische, pädagogische, psychologische und soziologische Informationen auf die zweite Ausbildungsphase (Referendariat) zu beschränken. Würde dieser Ausbildungsabschnitt die für die Berufsausübung notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten vermitteln, dann gäbe es diesen Erfahrungsbericht nicht. Die Gymnasien, die ich besuchte, um mich dort in den „Lehrerbibliotheken“ umzusehen, verfügten über keine Schriften aus den Bereichen von Pädagogik oder Psychologie. Nachschlagwerke waren reichlich vertreten. Inzwischen werden auch die kaum noch benutzt werden, da ja über das Internet für alle Fächer eine Fülle an Informationen abgerufen werden können. Es können aber auch, ich denke hier an meine eigene Homepage, im Internet heute auch Texte aus jenen Wissensbereichen, die ich in den Lehrerbibliotheken der Schulen vermisste,  gefunden werden. Ob die von Berufspädagogen aufgerufen werden ist freilich nicht überprüfbar. Gymnasiallehrer werden kaum davon Gebrauch machen, da sie sich nicht als Pädagogen verstehen.

Im Jugendfhilfebereich sieht es nicht besser aus. Ich bewegte mich zwischen 1973 und 2003 viel unter den Leitern unterschiedlich großer, verschiedener Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege angehörenden Heimen für Kinder und Jugendliche. Ich lernte unter ihnen keinen kennen, der nach dem Abschluss seiner Studien Fachbücher las oder sogar darüber Auskunft geben konnte. Ich denke zum Beispiel an Herrn X, der sich seiner Leseabstinenz sogar öffentlich rühmte. Obwohl er nach seiner Ausbildung, die er 1968 abgeschlossen hatte, kein Fachbuch mehr in der Hand hatte, wetterte er gern im Kollegenkreis gegen die Schreiberlinge oder gar den wissenschaftlichen Anspruch, der von einigen erhoben wurde. An ihm ließe sich beispielhaft nachweisen, dass alle die in verantwortlichen Positionen in der Jugendhilfe, ob das nun pädagogische Leiter von Heimen oder leitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Jugendämtern sind, am abfälligsten über die Verfasser von Fachliteratur räsonieren, die am wenigsten gelesen haben. Zwei für eine große Caritaseinrichtung tätigen Leitungspersonen schrieben sich in unseren Diplomaufbaustudiengang/Studienrichtung Sozialpädagogik ein. Noch vor Ende ihres ersten Semesters brachen sie das Studium ab, weil sie den Eindruck gewonnen hatten, nichts für ihre Tätigkeit Brauchbares erfahren zu können. Und für die Position, die sie in ihrem Berufsfeld erreicht hatten, bräuchten sie ein Universitätsdiplom nun doch nicht, versicherten sie mir.

Alle diese Kolleginnen und Kollegen argumentierten mir gegenüber außerdem mit dem Hinweis, dass kein Kind in ihren Einrichtungen zu Schaden gekommen sei beziehungsweise mit der Aufforderung: „schauen Sie doch nach, ob bei uns was „schief läuft“!. Derartige Nachweise lassen sich natürlich nicht erbringen und schon gar nicht ließe sich ein Zusammenhang zwischen Mängeln in der Berufsausübung einer Fachkraft und ihrer ablehnenden Haltung Fachtexten gegenüber belegen. Berichte über Kinder oder Arbeitsabläufe werden gleichsam „aus dem Bauch“ heraus verfasst, angereichert mit einigen Beispielen und günstigenfalls mit Verweisen auf vergleichbare Erfahrungen. Bezüge auf Aussagen in der Literatur fehlen völlig. Auch in Dienstbesprechungen, Teamsitzungen und anderen Formen betriebsinterner Arbeitssitzungen wird von den Moderatoren auf Literaturhinweise verzichtet. Allein schon darum, weil ja keine Literatur zur Kenntnis genommen wurde.

Verallgemeinere ich – wie eingangs bemerkt – diese Zurückhaltung von verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in unseren pädagogischen Einrichtungen vom Kindergarten bis in die gymnasialen Oberstufen, dann lässt sich bilanzieren:

 Eine überwiegende Mehrzahl der in diesen Einrichtungen beschäftigten Fachkräfte lesen, sobald sie ihre Ausbildungen abgeschlossen haben, keine Beiträge in Fachzeitschriften oder keine Fachbücher mehr.

Jedoch verarbeiten diejenigen, die Fortbildungsveranstaltungen besuchen, die Texte, die ihnen von den Referenten ausgehändigt werden und erwerben sogar, wenn ihnen die Referenten und die von diesen vermittelten Inhalte wichtig genug erschienen, deren Schriften.

Die Bereitschaft, an Fortbildungen teilzunehmen, ist bei allen Berufspädagogen groß. Es haben zum Beispiel die Fortbildungsakademien für Lehrerinnen und Lehrer keine Mühe, Interessenten für ihre Angebote zu finden. Auch in sozialpädagogischen Berufen werden die in den alljährlich „Fortbildungskalendern“ angebotenen Veranstaltungen, die einen zeitlichen Umfang von einem bis zu drei Tagen haben, gern angenommen. Das heißt also, dass zwar eine Lernbereitschaft vorhanden ist, diese aber nicht mit einer „Lese-Bereitschaft“  korrespondiert.

 Ein Zusammenhang zwischen einer mehr oder weniger großen Lesefreundlichkeit und den beruflichen Leistungen im jeweiligen Berufsvollzug lässt sich nicht nachweisen. Das ist allein schon darum nicht möglich, weil nicht bekannt ist, wer welche Texte liest und wie verarbeitet. Darum ist auch zum Beispiel in Arbeitszeugnissen und anderen Beurteilungen  das vorhandene oder fehlende Interesse an Fachliteratur kein Wertmaßstab. Außerdem setzte  ein derartiger Maßstab voraus, dass die Beurteiler – in der Regel also die leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – die Literatur für ihre Arbeitsfelder kennen würden. Und das ist eben nicht der Fall.

 Dr. Joachim Rumpf  
10. Oktober 2011     

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