Aufsätze zur Pädagogik in Kindertagesstätten

 


Pädagogische Einrichtungen in einer Gemeinde

 

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An den Anfang dieser Ausführungen möchte ich zwei Behauptungen und eine Schlussfolgerung stellen, die anschließend erläutert werden sollen. Wenn hierbei einerseits, um der Lesbarkeit willen, sprachlich vereinfacht wird, so muss andererseits klargestellt werden, dass sowohl eine „pädagogische Einrichtung“, sei es eine Kindertagesstätte, eine Schule oder ein Heim ebenso hochkomplexe soziale Organisationen sind, wie eine Gemeinde. Mit „Gemeinde“ ist sowohl das Einzugsgebiet gemeint, aus der die Kinder kommen, die die Einrichtung besuchen als auch jene Gemeinde (Stadt, Stadtteil) in der die Einrichtung liegt. Die nachfolgenden Behauptungen als auch die Schlussfolgerung lassen sich theoretisch untermauern und als Erfahrungen nachvollziehen.

Die Akzeptanz einer pädagogischen Einrichtung in der Öffentlichkeit einer Gemeinde wächst in dem Maße, in dem sie am Gemeindeleben in positiver Weise teilnimmt.

Wenn eine pädagogische Einrichtung am Leben einer Gemeinde teil hat, dann wirkt sich das auf ihre Mitglieder und Funktionen günstig aus.

Folglich sind von der Einrichtung entsprechende Leistungen avon auf ein Gemeinwesen hin orientierte Leistungen konzeptionell zu verankern, zu erbringen und ihre Ergebnisse zu evaluieren.

 

2.

Ein überzeugendes Modell hat Urie Bronfenbrenner mit seiner „Theorie zur „Ökologie der menschlichen Entwicklung“ (Stuttgart 1981)
vorgelegt (vgl. dazu die Seiten "Kooperation Einführung" und "Kooperation Bedingungen"). Urie Bronfenbrenner sieht die Entwicklung des einzelnen Menschen im Kontext ihrer sozialen Umwelten und bezieht die
komplexen Beziehungen verschiedener sozialer Umwelten beziehungsweise Lebensbereiche, in denen eine Person gleichzeitig heranwächst, in seine Entwicklungspsychologie mit ein. Das folgende Bild deutet schematisch auf die Bedeutung der Beziehungen zwischen den Lebensbereichen Familie und Schule (oder Kindergarten), die durch ein Kind miteinander verbunden sind.

Der Charakter dieser Beziehungen zwischen den verschiedenen Lebensbereichen beeinflusst die Situation eines Kindes in erheblichem Ausmaß. Haben zum Beispiel ErzieherInnen/ LehrerInnen eine gute Beziehung zum Elternhaus (und umgekehrt), wirkt sich das auf die seelische Befindlichkeit des Kindes günstig aus.

 Die durch ein Kind konstituierte Verbindung von Lebensbereichen bezeichnet Bronfenbrenner als „Mesosystem“.

Die von Außen auf das Mesosystem einwirkenden Systeme (z.B. Richtlinien, Verordnungen aber auch alle anderen von den einzelnen Lebensbereichen nicht beeinflussbaren Faktoren, die aber auf sie einwirken, wie z.B. Massenmedien, Verkehr u.a. ) bezeichnet Bronfenbrenner als „Exosysteme“.

Das kulturelle Gesamt einer Gesellschaft bis hin zu den ökonomischen und politischen Verhältnissen in der Welt bezeichnet er als „Makrosysteme“. Diese sehr verkürzte Darstellung lässt ist auf den Seiten über kooperative Verhaltensweisen und Konzepte ergänzen.

Diese (und andere) Theorien sind darum recht wertvoll, weil sie mit unserer Alltagserfahrung übereinstimmen. Insofern stellen diese Ausführungen lediglich eine Systematisierung dessen dar, was wir ohnehin wissen und - vor allem in unserem beruflichen Wirken - anwenden.

 

3.        

Dieses Modell einer Ökologie der menschlichen Entwicklung ist übertragbar. Denken wir nur an die Kindergärten in unseren Gemeinden. Ein Erntedankumzug oder der Rosenmontagsumzug wäre ohne die Teilnahme der Kinder und Erzieherinnen und Erzieher - nicht selten auch von Lehrerinnen und Lehrern - nicht denkbar. Seit Jahrzehnten bringen sie, gemeinsam mit den Eltern, Farbe und Fröhlichkeit in die Veranstaltungen, an denen die Bevölkerung des Quartiers lebhaft Anteil nimmt. Die Kinder und Erzieherinnen aus Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft gestalten kirchliche Festtage und Gottesdienste mit. Überall dort, wo das so geschieht, erfreut sich die Institution als ganze des Wohlwollens und der Unterstützung der jeweiligen Träger – also der politischen oder der kirchlichen Gemeinde. Sich auszuschließen oder abzugrenzen und auf Mitwirkung und Mitgestaltung von Festen, Feiern und anderen wichtigen, alle Bürgerinnen und Bürger betreffenden Angelegenheiten zu verzichten, schadet dem Ansehen der pädagogischen Einrichtung. Nun beteiligt oder enthält sich nicht „die Einrichtung“. Konkret sind das stets die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich so oder so verhalten. Auf sie wird im Wohnquartier geschaut. Sie repräsentieren mit ihrem Verhalten, mit ihrer Abstinenz oder ihrem Engagement den jeweiligen Kindergarten bzw. Jugendhilfeeinrichtung oder die Schule.

Eine Erzieherin oder eine Lehrerin, die sich in einem Verein engagieren, verbinden auf diese Weise die jeweiligen Lebensbereiche Verein und Kindergarten oder Schule. Nun ist nicht selten von Seiten der ErzieherInnen oder LehrerInnen die Klage zu hören: Gemeinde und Eltern fordern die Teilnahme des Kindergartens oder der Schule an derartigen Veranstaltungen. Sie klagen diese Leistungen gleichsam ein.

Da ist es zum Beispiel üblich, neben den kirchlichen Festen auch noch einmal im Jahr einen Basar zu organisieren, die Altenarbeit zu unterstützen und bei entsprechenden Nachmittagen mit einem Programm aufzuwarten u. a. m. Die Erzieherinnen des Kindergartens sagen in diesen Fällen dann, dass sie kaum noch zu ihrer Arbeit kommen, da das Basteln (nicht alles können die Kinder machen) und das Einüben ungebührlich viel Zeit in Anspruch nimmt.
Derartige Bedenken sind nur schwer zu bestätigen oder zu widerlegen, da hierzu keine Untersuchungsergebnisse vorliegen. Teams in denen aber diese Erfahrungen so erlebt wurden, ist zu empfehlen, sorgfältig das Für und Wider unter dem Gesichtspunkt einmal des Charakters der Beziehungen zwischen sich (dem Team) und Träger und Eltern und zum anderen unter dem der Förderung der Arbeit mit den Kindern zu prüfen und so in das pädagogische Konzept einzubauen, dass den Interessen aller Betroffenen genüge getan ist.

So gehört zu einer erwünschten Leistung gleichsam eine Gegenleistung, wie es u. a. in der "Theorie des sozialen Austauschs" (Boettcher, Erik: Kooperation und Demokratie in der Wirtschaft. Schriften zur Kooperationsforschung. Bd. 10. Tübingen 1974) bereits untersucht worden ist. Da wäre zumindest die Frage zu stellen: Die Gemeinde (Kirche, Pfarrer, Bürgermeister u. a.) möchten etwas von uns; welche Gegenleistung wünschen wir? Da ist zum Beispiel und vor allem an wohlwollende Förderung unserer pädagogischen Arbeit und eine deutlich spürbare Einstellung dieser Arbeit gegenüber zu erwarten.

Wie immer sich ein Team oder die einzelne Erzieherin entscheiden, ob und in welchem Umfang sie den Erwartungen ihrer Träger und anderer sozialen Gruppen entsprechen wollen: es ist stets ein Höchstmaß an Transparenz zu empfehlen. Auch die Erzieherinnen und Erzieher, die es vorziehen, gerade wegen der Erwartungen an ihr Engagement oder an ihre persönliche Lebensführung im Einzugsbereich der Tagesstätte, in einer anderen Gemeinde zu wohnen oder in der Anonymität einer großen Stadt „untertauchen“ möchten, ist dringend zu raten, die entsprechenden Entscheidungen offen zu legen und zu vertreten. Einsichtige Träger und Eltern werden dies respektieren. Das Ansehen der Einrichtung wächst mit der Offenheit ihrer Mitglieder. Die Art und Weise aller „Veröffentlichungen“ aber ist sorgsam zu bedenken, damit Schaden vermieden wird. Unter Berufung auf Transparenz in der Öffentlichkeit darf zum Beispiel keine MitarbeiterIn in persönlichen Kontakten mit Eltern etwas über die Einrichtung oder Kolleginnen und Kollegen erzählen, wozu sie von der Leitung nicht ausdrücklich ermächtigt wurde. Öffentlichkeit gehört vielmehr in Elternabende oder andere öffentliche Veranstaltungen und schriftliche Mitteilungen (Kindergartenzeitung z.B.). Alles dies gilt natürlich auch für die Schulen und Lehrerinnen und Lehrer in einem Wohngebiet.

 

4.

Die Frage nach dem „Nutzen“ also danach, wie ein positiver Charakter der Beziehungen zwischen den Lebensbereichen „pädagogische Einrichtung“ einerseits und „Gemeinde“ andererseits die Entwicklung aller Betroffenen günstig beeinflussen kann, ist von besonderem Interesse. Ich verweise einmal auf die Ausführungen über aggressionsvorbeugende Strategien im Kapitel "Aggression und Gewalt" und möchte zum anderenüber einige Erfahrungen aus einem Kinderheim im Schwarzwald berichten. Diese Jugendhilfeeinrichtung stellt mit ihren Kooperationsbemühungen keine Ausnahme dar. In vergleichbarer Weise werden mal mehr mal weniger bewusst und geplant, von allen pädagogischen Einrichtungen einer Gemeinde das Beziehungsfeld, das Bronfenbrenner „Mesosystem“ nennt, gefüllt.

 

4.1  Im Filialort einer größeren Landgemeinde gibt es seit vierzig Jahren ein Kinderheim mittlerer Größe. Die meisten der Kinder dieser Jugendhilfeeinrichtung besuchen die Schulen am Ort. Der Hauptort ist zugleich Treffpunkt von Kindern und Jugendlichen. Dort befinden sich die meisten Geschäfte, die Treffs der Heranwachsenden (z.B. die Bushaltestellen), die Trainingsräume und –Plätze der Vereine, die Kirchen und die Sport- und Schwimmhalle. Und es gibt ein Museum. Der Gemeinderat dieses Ortes wollte, um den Fremdenverkehr anzukurbeln, das wirklich sehenswerte Museum mit seinem museumspädagogisch überzeugendem Konzept  als Besuchermagneten besser vermarkten. Gemeindeverwaltung und Museumsverein traten gemeinsam an die Leitung des Kinderheims heran, und baten um Hilfe.

In jeder pädagogischen Einrichtung arbeiten Erzieherinnen und Erzieher, die in ihre Tätigkeiten ihre Steckenpferde mit einbringen. Nichts selten sind es gerade die Möglichkeiten einer Verknüpfung eigener spezifischer Fähigkeiten und Interessen mit der Freude am Umgang mit Kindern, die Frauen und Männer in diesen Beruf führten. So wäre zum Beispiel der Arbeitsbereich „Kind und Pferd“ in diesem Heim undenkbar, ohne Erzieherinnen und Erzieher mit entsprechenden Kenntnissen und Fertigkeiten. Auch musiziert werden kann in Heim, Schule oder Kindertagesstätte nur dann, wenn wenigstens eine Fachkraft gern musiziert. In unserem Beispielheim war bereits vor mehreren Jahren ein „Medienraum“ eingerichtet worden, in dem, gemeinsam mit interessierten Kindern, ein Erzieher an elektronischen Geräten, vor allem an Computern, wirkt. Er führt die Kinder nicht nur in den verantwortbaren Umgang mit Computerprogrammen ein, sondern dokumentiert seit vielen Jahren das Leben im Heim und hält alles in Bild und Ton fest. Früher waren das Schmalfilme ohne und mit Vertonung. Alle, die sich darin etwas auskennen wissen, welche den Laien ins Erstaunen versetzende Möglichkeiten es heute gibt, wenn die technischen Voraussetzungen hierfür gegeben sind. An dieses technisch gut eingerichtete Studio und dem Erzieher mit den vielen Assistenten – also den Kindern – dachten Gemeinderat und Vereinsvorstand bei ihrem Anliegen. Hatte doch dieser Erzieher, und hier wieder gemeinsam mit den jeweiligen an Computer- und Aufnahmetechnik interessierten Kindern, immer wieder die Höhepunkte im Gemeindeleben festgehalten. Der Film über das Museum wurde hergestellt. Viele Arbeitsstunden erbrachten der Erzieher und die beteiligten Kinder und Jugendlichen, die selbst als Akteure in der Museums-Dokumentation auftreten. Gemeinde und Museumsverein bedankten sich mit einem Weihnachtsessen bei allen Mitwirkenden. Jedes Kind erhielt außerdem ein Geschenk überreicht und selbstverständlich wurde auch das wieder im Bild festgehalten und fand den Weg in die Regionalpresse. In den Zeitungen wurde besonders das Zusammenwirken von Heim, Gemeindeverwaltung und Verein als beispielhaft gewürdigt. Selbstverständlich wurden die Beteiligten namentlich genannt. Entscheidender aber ist, dass „das Heim“ als Einrichtung bei den Leserinnen und Lesern und bei allen, die den Film anschauen, zu einer positiven Assoziation führt. Dies ist zweifellos ein Ziel aller Öffentlichkeitsarbeit. Doch hier geht es um mehr: es geht um die Akzeptanz und das Wohlwollen gegenüber den Heimkindern und der Arbeit aller, die in dieser Einrichtung wirken. Und zu dieser positiven Einstellung beizutragen sind in besonderer Weise die Fachkräfte in der Einrichtung verpflichtet.

Eine Jugendhilfeeinrichtung wie eine Kindertagesstätte oder ein Heim kann aber noch in anderer Weise für die Menschen in einer Gemeinde wirken. Ich denke an das Beispiel eines anderen Kinderheims, das über die Betreuung der stationär untergebrachten Kinder hinaus, Dienstleistungen erbrachte. Sofern und so lange wie ein entsprechender Bedarf vorhanden war, betreuten die Erzieherinnen und Erzieher dieser Einrichtung auch Kinder aus Familien die in der Gemeinde lebten. Diese Mädchen und Jungen gingen nach der Schule statt nach Hause mit ins Heim, um dort ihre Hausaufgaben gemeinsam mit Klassenkameraden, die im Heim leben, zu machen. Diese Kinder kamen zum Beispiel aus Handwerkerfamilien, in denen sich die Eltern, die von ihren Betrieben sehr stark in Anspruch genommen waren, nicht im erforderlichen Maße um sie kümmern konnten. Die Lehrer, die zu dem Heim selbstverständlich ein besonders enges berufliches Verhältnis hatten, hatten den Eltern Fördermaßnahmen empfohlen und auf ihre guten Erfahrungen mit den Erzieherinnen und Erziehern verwiesen. Tatsächlich konnten die Schulschwierigkeiten in jedem der Fälle verringert werden. Die betreffenden Kinder nahmen auch an Freizeitaktivitäten des Heimes teil, wenn sie das wollten. Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Heim war klar, dass diese Anliegen der Familien eine außergewöhnliche Chance anboten, die eigene Fachlichkeit gleichsam nach Außen zu tragen. Einige Eltern fanden inzwischen den Weg zu pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um sich bei ihnen Rat und Hilfe zu holen. So wirkt die Einrichtung im Stillen als Fachinstitution und mancher Gang zur Erziehungsberatung wäre unterblieben, wenn er nicht von den Fachkräften aus dem Heim vorbereitet worden wäre.

 

4.2  Waren diese Beispiele, der Museumsfilm oder eine vorübergehende fachliche Hilfe in Einzelfällen jeweils besondere Ereignisse, so gibt es andere Beispiele, wie sich die Erzieherinnen und Erzieher eines Heimes in weniger spektakulärere Weise an der „Beziehungsarbeit“ beteiligen. Der Leiter einer Einrichtung zum Beispiel gehört dem Vorstand eines Vereins an, dessen Vorsitzender der Zahnarzt des Ortes ist. Allein an diesem Beispiel kann recht gut illustriert werden, wie eine wirksame Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden kann. Dieser Zahnarzt, ein kompetenter Fachmann auf seinem Gebiet, ist sehr kommunikativ. Während der Behandlungen unterhält er sich mit seinen Patienten über alles, was diese, die ja nur wenig zum Gespräch beitragen können, interessiert. Sowohl im Behandlungsraum als auch im Vereinsgeschehen ist es von Bedeutung, welche Meinung der Arzt über die Arbeit der Einrichtung hat. Das gleiche gilt für den Hausarzt der Einrichtung selbst, der wiederum Mitglied des Gemeinderats ist. Die Wege zu Fachärzten und Therapeuten zum Beispiel führen nicht selten über diesen Mediziner. Es wäre für die pädagogische Arbeit im Heim außerordentlich nachteilig, wenn dieser Arzt der Überzeugung wäre, dass keine kinderpädiatrische Behandlung etwas nützen würde, weil die sozialpädagogischen Leistungen unzureichend seien. Und um zu entsprechenden Urteilen bzw. Vorurteilen zu gelangen, braucht es keine Empirie, als vielmehr sogenannter „persönlicher Eindrücke“ oder Meinungen. Und die gewinnen die „Meinungsmacher“ in der Gemeinde nur über den persönlichen Kontakt mit Kindern und Erziehern und, natürlich, ihrerseits vom „Hörensagen“. Es sind von den Erzieherinnen und Erziehern, und hier ist an jene zu denken, die seit mehreren Jahren in der Einrichtung arbeiten alle in mehr oder weniger organisierten Gruppen vertreten. Einer ist für den Museumsverein tätig und macht regelmäßig Aufsichten an Sonn- und Feiertagen, eine andere ist im Frauenturnen, eine beim Frauenkegeln, gleich drei finden wir im Tennisclub und ihre Partner sind ebenfalls dabei. Der Sportverein, das DRK und der BUND haben ebenfalls Mitglieder aus der Mitarbeitergruppe des Heims, von denen einige mehreren Gruppen angehören. Auch die Religionsgemeinschaften erhalten mal mehr mal weniger direkten Einblick in den Lebensbereich des Heims über die Mitarbeiter. Auf diese Weise gibt es eine Vielfalt von Beziehungen, gleichsam ein kommunikatives Netz, in dem sich die Heimmitarbeiter mit vielen anderen Bürgerinnen und Bürgern begegnen. Wenn sich auch Gesprächsinhalte kaum um berufliche Themen bewegen werden und über bestimmte Kinder schon überhaupt nichts gesagt wird, so erhalten alle Außenstehenden mit den Jahren doch einen Eindruck, der sich auf die Einstellung zum „Heim“ – und damit zu den Heimkindern – auswirkt.

 

4.3  Dass es Kinder gibt, die in Schule und Gemeindeöffentlichkeit dem Ansehen dieser Einrichtung und ihrem eigenen gelegentlich Schaden zufügen, ist ganz verständlich. Schließlich führte die Mädchen und Jungen ihr besonderer erzieherischer Bedarf in die Institutionen der Jugendhilfe. Und die Verhaltensweisen, die sie mitbringen, lassen sich nicht mit einem Knopfdruck abstellen. So kommt es zum Beispiel immer wieder vor, dass eine/r von ihnen bei einem Ladendiebstahl ertappt wird. Dann gibt es Jugendliche im Heim, die sich in Handwerksbetrieben und anderen Unternehmen in der Gemeinde in Ausbildung befinden. Auch dort geht nicht immer alles glatt. Wenn aber das Ansehen eines Heims rundum gut ist, dann reagieren die betroffenen Ladenbesitzer und Lehrmeister sehr differenziert und kooperieren eng mit den Erzieherinnen und Erziehern mit dem Ziel, den Kindern und Jugendlichen aus der Zwickmühle herauszuhelfen. Diese Hilfsbereitschaft bewährt sich besonders in jenen Fällen, in denen Bewährungsauflagen zu erfüllen sind. Wenn zum Beispiel ein Sechszehnjähriger aufgenommen wird, der eine Bewährungsstrafe mitbringt und etliche Arbeitsstunden für ein gemeinnütziges Vorhaben leisten muss oder aber ein Jugendlicher begeht eine Straftat, die – allein schon aus erzieherischen Gründen – vor dem Jugendgericht verhandelt werden soll und erhält eine Arbeitsauflage, dann stellt die Gemeindeverwaltung gern geeignete Vorhaben und Betreuer zur Verfügung. Doch bis eine derartige Haltung in der Gemeinde allgemein verbreitet war, brauchte es vieler Bemühungen von Seiten der Erzieherinnen und Erzieher.

Eine für die betroffenen jungen Menschen besonders vorteilhafte Auswirkung haben die vielfältigen Kontakte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu den Handwerksmeistern und Inhaber kleiner und mittlerer Betriebe und den anderen sozialen Einrichtungen in der Gemeinde und im Landkreis. Auf diese Weise gelang es noch stets auch die sogenannten „schwervermittelbaren“ Jugendlichen in einen Ausbildungsplatz zu bringen. Gerade die intensiven Bemühungen der mit diesen Aufgaben beauftragten Fachkräfte während der nicht selten an Krisen reichen Lehrzeiten um die jungen Menschen und ihre Ausbilder und Berufsschullehrer sind die beste Öffentlichkeitsarbeit. Das Engagement der Erzieherinnen und Erzieher wird mit der Bereitschaft zur Kooperation beantwortet.

Diese Beispiele aus Jugendhilfeeinrichtungen weisen darauf hin, dass es für die zu leistenden Aufgaben nützlich sein kann, die ökologischen Bedingungen zu kennen und sich ihrer mit Hilfe kooperativer Aktivitäten zu bedienen. Für andere Jugendhilfeeinrichtungen, also auch die Kindertagesstätten und für die Schulen gilt das ebenso.

 

5

Verallgemeinern wir die Aussagen von der Ökologie der menschlichen Entwicklung, so, wie sie hier an Beispielen illustriert wurden, und denken an unsere Gemeinwesen, müssen wir uns unsere pädagogischen Einrichtungen einschließlich der Familien und aller anderen sozialen Gruppen als miteinander verwoben und einander beeinflussend denken. Jede/jeder von uns ist ein aktiver Teil dieses Gefüges. Von dieser Prämisse ausgehend ergeben sich folgende Überlegungen:

 

5.1. In einer Zeit, die charakterisiert ist durch Wertewandel und Erziehungsunsicherheit wachsen den pädagogischen Einrichtungen in einem Gemeinwesen bedeutsame Funktionen zu: An ihrer pädagogischen Arbeit orientieren sich die Eltern in dem Ausmaß, in denen sie ihnen Kompetenzen zutrauen und ihnen vertrauen. Schule, Kindertagesstätten und andere Jugendhilfeeinrichtungen sind bereits seit Jahrzehnten die pädagogischen Institutionen, die ebenso zuverlässig wie systematisch unsere kulturellen Eigenheiten weiterreichten. Insofern möchte ich sie als Hüter und Bewahrer unserer kulturellen Identität betrachten. Verloren gegangen ist das Bewusstsein dieser Funktionen und das Bekenntnis zu ihnen.

 

5.2. Elternhaus und Schule tragen Verantwortung für die Erziehung und Bildung von Kindern. Hierbei unterstützen sie sich gegenseitig und „pflegen ihre Erziehungsgemeinschaft“. So steht es z. B. im § 55 (1) des Baden-Württembergischen Schulgesetzes. Die Funktion dieser Vorgabe ist einem Berufspädagogen klar: Je größer die Übereinstimmung verschiedener, an der Erziehung und Bildung eines Kindes beteiligter Personen ist, um so größer sind die Chancen, dass ein Kind gedeiht. Allerdings könnte man schon diese Aussage kritisch prüfen. Wenn hier und da Eltern und Lehrer nicht an einem Strang ziehen, dann kann das daran liegen, dass sie Übereinstimmung nicht als eine wichtige Rahmenbedingung ihrer pädagogischen Wirksamkeit erkennen.

 

5.3. Unerlässlich ist es, dass sich die Lehrerinnen und Lehrer gerade im Hinblick auf zunehmende Schwierigkeiten in ihrer Arbeit nicht als pädagogische Solisten betrachten, sondern immer auch die Gesamtverantwortung der Schule für die Erziehung und Bildung der Schülerinnen und Schüler im Auge behalten und deshalb alle Möglichkeiten der kollegialen Zusammenarbeit, der gegenseitigen Unterstützung und des Erfahrungsaustausches nutzen. Gerade wenn es um Hilfen für bestimmte Schüler und/oder unterrichtliche Problemsituationen geht, sind kooperative Strategien und solidarische Haltungen wichtig.

 

5.4 Elternhaus, Jugendhilfeeinrichtung und Schule stehen in der Erfüllung ihrer jeweiligen Erziehungs- und Bildungsaufgaben in Gemeinde und Kreis hierfür eingerichtete Institutionen zur Seite. Außerdem sollte, bezogen auf den Einzelfall oder auf typische Problembereiche, nach Unterstützung und Hilfe in einem Gemeinwesen Ausschau gehalten werden. Soziales Engagement kommt nicht von allein. Es bedarf der Ideen und Impulse vor Ort, um Fehlentwicklungen von Kindern vorzubeugen und Eltern und Berufserziehern in diesem Bestreben zur Seite zu stehen.

 

5.5. Bei der Unterstützung und Förderung der Erziehung und Bildungsaufgaben von Eltern, Kindergarten und Schule kommt allen Gruppen, die in einer Gemeinde aktiv sind, große Bedeutung zu. Im Interesse einer Überwindung der vielbeklagten Isolation („Verinselung“) von Einzelnen und/oder Familien, aber auch im Interesse guter Entwicklungsbedingungen für alle Kinder sollten Erziehungsfragen nicht vom Gemeindeleben abgekoppelt werden.

 

5.6. Eine besondere Mitverantwortung tragen Bürgermeister, Gemeinde- und Pfarrgemeinderäte vor allem dann, wenn sie Träger von Kindergärten oder anderer Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen sind. Aber auch die Vereine, insbesondere die mit eigenen Nachwuchsgruppen, dürfen nicht isoliert werden bzw. nicht jedes sein eigenes Süppchen kochen wollen.

 

5.7. Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen in ein Gemeinwesen hinein zu integrieren, das heißt eben auch: Erziehung und Bildung zu einer Angelegenheit aller zu machen, die in einer Gemeinde Verantwortung tragen. Das bedeutet in der Praxis keineswegs, dass Verantwortungen verwässert und Zuständigkeiten anders verteilt werden. Es geht vielmehr darum, Erziehung und Bildung zu öffentlichen Themen werden zu lassen, um Betroffenheit und ein Gefühl der Mitverantwortung zu erreichen. Es geht damit zugleich darum, für die pädagogischen Leistungen in Familien, Kindergarten, Schule und Vereinen insofern günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, als sie akzeptiert und anerkannt und unterstützt und gefördert werden.

 

5.8. Um diese Anliegen mit Leben zu füllen, bewähren sich alle Formen der gegenseitigen Information. Vor allem Druckerzeugnisse (Gemeindeblätter, regelmäßige Informationen aus Tagesstätten und Schulen) sind geeignet, die für eine Unterstützung und Förderung der Bestrebungen von Erziehung und Bildung vor Ort notwendigen Verständnisse und Verständigungen zu erreichen. Heute bietet das Internet zusätzliche Möglichkeiten der Öffnung und des Dialogs.

 

5.9. Was sonst noch im Einzelnen dazu beigetragen werden kann, vor allem die Entscheidungsprozesse in den pädagogischen Einrichtungen darüber, wer was wie und wann tun sollte, das können nur die Beteiligten vor Ort miteinander verabreden. Ein Anfang wäre getan, wenn sich Gemeinde- bzw. Stadträte, Vereinsvorstände, Kindergarten- und Schulleitung mit den Elternbeiräten und den Trägervertretern an einen Tisch setzten und über diese Anregungen nachdächten. Natürlich muss ein derartiges Gespräch, wenn es konstruktiv verlaufen soll, am besten mit Hilfe konkreter Vorschläge, in denen Ziele und Zwecke eindeutig erkennbar sind, von den Pädagogengruppen gut vorbereitet werden.

 

5.10. Das beste Vorhaben kann sich im Sande verlaufen, wenn nicht von Anfang an vereinbart wird, dass die Ergebnisse der verabredeten Konzepte und auf welche Weise überprüft werden. Auch diese Ergebnisse müssen diskutiert werden, um mögliche Schwachstellen in den Kooperationsprozessen rechtzeitig erkennen und ihre Ursachen bearbeiten zu können.

© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl
 

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