Dr. Joachim Rumpf

Aufsätze zur Pädagogik in Kindertagsstätten

 

Die Qualität von Kindergärten und die Fachberatung

 

Kindertagesstätten und "Qualität"

Seit Anfang der neunziger Jahre hat die „Qualität“ [1]   als ein neues Paradigma in der Sozialpädagogik auch das Arbeitsfeld Kindertagesstätten erreicht [2] . Wurden in den vorangegangenen Jahren bereits erhebliche Anstrengungen in Wirtschaftsunternehmungen und in der staatlichen Verwaltung unternommen, mit Hilfe von Managementberatern diese aus Japan und den USA kommende Strategie einzuführen, trat auch die Jugendhilfe in diese Diskussionen ein. Im sozialpädagogischen Diplomstudiengang an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg zum Beispiel, hörten die Studierenden in ihren Veranstaltungen bereits 1990 Vorträge zu diesen Thema [3].

Der Begriff „Qualitätsmanangement“ stellt die „Qualität“ einer Leistung als zentrale Aufgabe eines Mangaments in den Mittelpunkt und wird als das Kernstück moderner Unternehmensphilosophie betrachtet. Die Qualiät der Leistung soll durch geeignete Steuerungsmaßnahmen sichergestellt beziehungsweise verbessert werden [4] .Wer sich näher mit dieser auf Wirtschaftlichkeit und Effizienz ausgerichteten Unternehmensphilosophie befaßt, wird bald erkennen, lassen wir einmal die Vielzahl neuer Begriffe beiseite, dass wir im sozialpädagogischen Raum schon vor dem „Qualitätsdenken“ entsprechende Strategien berücksichtigten.

Hier ein Beispiel: Die bisher üblichen, sozusagen allgemeingültigen Qualitätskriterien für einen „guten“ Kindergarten, die für Eltern und Träger gleichermaßen galten, sind recht einfach zu erkennen und zu benennen:

Von Seiten der Eltern war das die Hoffnung: Unser Kind geht gern in den Kindergarten.
Von Seiten des Trägers war das die Hoffnung: Die Eltern beschweren sich nicht über den Kindergarten.

Von Seiten der Schule war das die Hoffnung: Alle Erstklässler sind schulreif[5] .
 

Die Ausbildungsqualität der Erzieherinnen, die ein wichtiges strukturelles Qualitätsmerkmal der pädagogischen Arbeit ist, wurde seit Beginn der siebziger Jahre mehr und mehr verbessert. Die Studien über die Situation der Kindergärten im Landkreis Waldshut aus den Jahren 1986, 1989 und 1997 geben darüber beispielhaft Auskunft. Nur bei der Qualiät der Arbeitsbedingungen wurde nicht immer so genau hingeschaut.

Als ein Maßstab für Zufriedenheit in einem bestimmten Kindergarten kann die Fluktuation betrachtet werden. Natürlich ist in diesem sensiblen und arbeitsrechtlich geschützten Bereich ein Zusammenhang zwischen Kündigung und Unzufriedenheit nur selten nachweisbar und empirischer Forschung unzugänglich. Nur wenn ein ganzes Team gemeinsam kündigt, merken Außenstehende, dass dassetwas „faul ist“.

Bei uns im Landkreis wurde schon vor nahezu 20 Jahren die Berufszufriedenheit der Erzieherinnen erfragt und insofern etwas für die „Strukturqualität“ unserer Kindergärten getan. Die Begriffe Strukturqualität, Prozessqualität oder Ergebnisqualität aus Theorie und Praxis des Qualtätsmanagements sind recht nützlich. Sie finden ihre Entsprechung in diesem Abschlussbericht, wenn die ersten beiden Teile sich mit strukturellen Bedingungen von Fachberatung bafassen und die Teile drei und vier Auskunft geben über Prozesse und Ergebnisse unserer Beratungen.

Unter „Strukturqualität“ werden die Rahmenbedingungen verstanden, die gegeben sein sollten, um eine möglichst hohe Effizienz und gute Ergebnisse zu erhalten. Also unter anderem die Gebäude, die technische Ausstattung, die Anzahl und der Ausbildungsstand von Mitarbeitern, die Leitungen, die Organisations- und Kommunikationsstrukturen in einem Unternehmen u.a.m..

Unter „Prozessqualität“ werden jene Ereignisse, Vorgänge oder Aktivitäten verstanden, die mit dem Produkt verbunden sind. In unserer Papierfabrik in Albbruck sind das zum Beispiel die Bearbeitung der Rohmaterialien, die Papierherstellung und der Vertrieb. In einer sozialpädagogischen Einrichtung sind das zum Beispiel alle Interaktionen zwischen den beteiligten Personen.

.„Ergebnisqualität“ meint, wie der Begriff recht eindeutig zum Ausdruck bringt, die Güte alles dessen, was sich als Produkt von Strukturen und Prozessen am Ende zeigt. Doch nicht allein das Ergebnis, wie wir es vor uns sehen, ist gemeint. Sondern hier auch wieder die Prozesse, die die Qualität des Produkts messen und die Wege dahin.
Wir kennen bereits seit vielen Jahren das Fremdwort „Evaluation“, also das „Bewerten“ und „Beurteilen“ von Ergebnissen und jenen Prozessen, die zu einem Ergebnis führen.

Auf den Bereich der Kindergärten übertragen bedeutete dies die Messung und Bewertung der Arbeitsergebnisse. War die Evaluation der Kindergartenpädagogik - im Unterschied zum Schulunterricht - bisher eher eine theoretische Größe, so gewinnt diese Orientierung im Zusammenhang mit dem Qualitätsdenken praktische Bedeutung. Es wird also bereits danach geschaut, was im Zusammenhang mit der Betreuung, Erziehung und Bildung von Kindern im Kindergarten herauskommt.

Die Institute für Kleinkind- und Sozialpädagogik an der Freien Universität in Berlin haben unter Federführung eines Teams unter der Leitung von Wolfgang Tietze die Qualität verschiedener Kindergärten miteinander verglichen [6]. Diese „Evaluation“ erstreckte sich über fünf Jahre. Den Autoren der Studie zufolge erbrachte sie den Nachweis, dass sich die Qualität der Kindergärten auf die Entwicklung von Kindern auswirkt und zwar so, dass „gute“ Qualität zu einem Entwicklungsvorsprung von 1/2 bis zu einem Jahr führen kann. dassdie Prozeßqualität nur sehr schwer bis gar nicht mit hinreichender wissenschaftlicher Objektivität gemessen werden kann, spielten Merkmale der Strukturqualität eine bedeutsame Rolle. Also die Ausstattung, Größe, Anzahl und Lage der Räume, Gruppengrößen und Personalschlüssel und, nicht zuletzt, die Personalqualität. Diese läßt sich messen, wenn auf die Ausbildung geschaut wird. Zur Strukturqualität aber gehören in diesem Zusammenhang besonders Fortbildung, Supervision und/oder Beratung.

Fachberatung als Element der "Strukturqualität"

Fachberatung ist ein Dienstleistungsangebot an einzelne Erzieherinnen und an Mitarbeiterteams. Ein mit der Beratung verbundenes Ziel ist die Optimierung der Leistung der sozialpädagogischen Einrichtung „Tagesstätte für Kinder“. Insofern ist das Dienstleistungsangebot „Fachberatung“ vergleichbar mit anderen Beratungsinstitutionen.

Während aus fachlicher Sicht überhaupt kein Zweifel daran besteht, dass Fachberatung zweckmäßig ist, kann das in der Praxis von den Erzieherinnen und den Trägern durchaus anders gesehen werden, wie das die Ausführungen auf der Seite über ein Beratungsprojekt im Landkreis Waldshut zeigen.
Während privatwirtschaftliche Dienstleister, wie zum Beispiel Autowerkstätten, ihr Unternehmen schließen müssen, wenn sie nicht effektiv genug arbeiten und um die Effektivität zu sichern von Autoherstellern geschult werden und Steuer-, Finanz-, Management- u.a. Berater in Anspruch nehmen, leisteten es sich bisher die öffentlichen „Non-Profit-Unternehmen“ in Bezug auf ihre Schulen und Kindertagesstätten, auf Beratungsdienste zu verzichten. Dies war bisher auch kein Problem, denn es gibt keine Zwänge, die Qualität der Erziehungs- und Bildungsarbeit laufend zu verbessern.
Es gibt aber Personengruppen, deren Lebensschicksal in entscheidender Weise von der Qualität der pädagogischen Institutionen abhängt: das sind unsere Kinder. Allein dieser Begründungszusammenhang verpflichtet alle Träger von Tageseinrichtungen für Kinder für die bestmögliche Qualität ihres Leistungsangebots „Kindergarten“ zu sorgen, selbst wenn, wie es gegenwärtig noch der Fall ist, keine anderen Anbieter auf dem Markt als Wettbewerber auftreten [7] .

Da der Zusammenhang zwischen den Rahmenbedingungen und den Arbeitsprozessen und ihren Ergebnissen auch in pädagogischen Arbeitsfeldern evident ist, ist es die Schlussfolgerung ebenfalls: 

Ein Regionaler Fachdienst / eine Fachberatung trägt maßgeblich dazu bei, die Qualität der pädagogischen Arbeit in Kindergärten zu erhalten und auszubauen. 

Dieser Fachdienst, der die Qualität unserer Tageseinrichtungen für Kinder erhalten und ausbauen soll, wird in dem Maße zusätzliches Gewicht erhalten, in dem von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wird, Mitarbeiterinnen ohne Erzieherinnenausbildung in Tageseinrichtungen für Kinder zu beschäftigen. Dazu gehören zum Beispiel Lehrerinnen oder Lehrer und DiplompädagogInnen, die bisher als Fachkräfte nicht anerkannt waren. Um diese MitarbeirInnen, wenn sie vermehrt beschäftigt werden würden, an die Arbeit in den Tagesstätten heranzuführen, brauchten wir gesonderte Fortbildungen für diesen Personenkreis und vermehrte Beratung. Die Fortbildungen werden wie bisher von den SozialpädagogInnen des Sachgebiets Kindertageseinrichtungen der Landesjugendämter und den entsprechenden Fachkräften bei freien Trägern angeboten. Es wäre für eine kontinuierliche Arbeit in den Einrichtungen unzweckmäßig, Träger und Erzieherinnen in einer sich verändernden Personal-Landschaft sich selbst zu überlassen. Statt dessen müssen Beratung und Supervisionsangebote ausgeweitet und geprüft werden, welche Beratungskompetenzen möglichst ortsnah für diese Aufgaben aktiviert werden könnten.

 

[1] Vgl. hierzu u.a das Diskussionspapier der „Kommission der europäischen Gemeinschaften / Kinderbetreuungsnetzwerk der europäischen Kommission: „Die Frage der Qualität in Kinderbetreuungseinrichtungen“. London 1992

[2] Vgl. z.B.: Einrichtungen mit Gütesiegel? Qualitätsmanagement - wie eine Norm zum Leitbild wird. Welt des Kindes 1/1996. Hense, Margarete: Was Eltern erwarten. In: Kinderzeit. Nr. 2/1998, S. 22-23. Lill, Gerlinde (Hrsg.): Von Abenteuer bis Zukunftsvisionen. Qualitätslexikon für Kindergartenprofis. Neuwied 1997

Die Dokumentation der 9. Evang. Konferenz für Jugend- und Familienhilfe des Diak. Werkes der EKD vom 4. Bis 5. Februar 1997 in Stuttgart: Forum 3: Qualitätssicherung und Produktbeschreibungen in Tageseinrichtungen für Kinder.

[3] Vgl.u.a.: Gessler, Michael: Management in sozialen Einrichtungen - Sozialmanagement. Unveröffentl Seminararbeit. Stegen/Freiburg 1990. Eine aktuelle Analyse der „Qualitätsentwicklung... von Trägern und Einrichtungen der Erziehungshilfe“ legt Gaby Flösser vor. In: AFET Mitglieder-Rundbrief Nr. 2/1998 S. 20 - 25.

[4] Vgl. zu dieser Thematik u.a.: BMFSFJ: Qualitätsstandard in der Jugensozialarbeit. Materialien zur Qualiätssicherung in der Kinder- und Jugendhilfe.Qs 6/1996. Hausmann, Willi.: Die Initiative Qualitätssicherung des BMFSFJ. In: Forum Erziehungshilfen 3/1996, S.113-115. Meinhold, M: Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in der Jugendhilfe. Freiburg 1996

[5] Zu unserem Verständnis dieses Begriffs vgl. besonders den Bericht über „Zwanzig Jahre Kooperation zwischen Kindergarten und Grundschule im Landkreis Waldshut“ Waldshut, 1997, S. 32 ff

[6]   Vgl. dazu: Tietze, Wolfgang u.a.: Kindergarten-Einschätz-Skala. Neuwied 1997 und das Projekt „Kindertagesstätten ... übermorgen“ Die Kindertagesstätten im Verwaltungsprozeß in Berlin - „BERLIN - Unternehmen Verwaltung. Kennziffer B /91994 KGSt.

Hense, Margarita: Qualitätssicherung durch Fachberatung und Fort- und Weiterbildung. In: Unsere Jugend Nr. 4/1996, S. 285 - 261.

Vgl. hierzu auch die kritische Analyse von Klaus Gommel: Die Kindergarten-Einschätzskala. In: Info Service, LJA Karlsruhe, Ausgabe 3, Jahrg. 98, S.15

[7] Auf die große die Bedeutung von „Kundenpflege“ in Bezug auf die Beziehungen zu den Eltern verweist Frank Jansen: „Das hat ihnen gerade noch gefehlt... mit Soziomarketing in Kindertageseinrichtungen auf Erfolgskurs..“. Vortragsmanuskript, Freiburg o.J. Vgl. auch: Ders.: Eltern als Kunden. In: Welt des Kindes Nr. 5/1994

 

 

 

 

Dass sich alle verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor - allem in den freien Wohlfahrtsverbänden - unablässig, mit Ausdauer und großer Begarrlichkeit darum bemühen, die Erziehungs- und Bildungsarbeit in ihren Tagesstätten zu verbessern, das zeigen allein die Vielzahl von Angeboten in Fortbildungsprogrammen, die alljährlich den pädagogischen Fachkräften angetragen werden.
Ob und in wie weit derartige Angebote die Praxis beeinflussen, das festzustellen ist Aufgabe der oben erläuterten "Evaluation". Vergleichen Sie, liebe Besucherin, lieber Besucher hierzu auch die Ausführungen im Kapitel über die Voraussetzungen einer erfgolgversprechenden Fortbildung!

Ich möchte an dieser Stelle, um das Bemühen aller Beteiligten zu dokumentieren, die Notiz aus einer unserer Tageszeitungen einfügen. Sie ermöglicht zugleich einen Hinweis auf eine neue Konzeption für die Arbeit in den katholischen Tagesstätten, die in dem Zeitungsartikel mit "Quintessenz..." angedeutet wurde.

Allzu häufig findet man derartige Informationen in der Tagespresse nicht. Um so mehr verdienen sie die Aufmerksamkeit von interessierten Fachkräften und Eltern. Zeigen derartige Bemühungen doch, dass sich auch außerhalb von aufwändig angelegten und gesponserten Projekten in den Bereichen von Erziehung und Bildung viel bewegt!

Interessant dürften in diesen Zusammenhängen auch die Ausführungen über die  in unseren Tagesstätten sein und die Frage danach, wie sich entsprechende Unterschiede, wenn es sie denn gibt, in der pädagogischen Praxis nachweisen lassen.

 

 

Management

 

 
aus: Badische Zeitung
vom 25.07.2006
Bad Saeckingen,
Seite 23

bad Zg

 

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