Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 


Schulverweigerung und Heimerziehung
Erkenntnisse aus einer Studie von Daniela Rosenau

 

Angesichts der seit den PISA-Studien und der Arbeitsmarktproblematik unter dem Blickwinkel des Zusammenhangs zwischen Schulbesuchsabschlüssen und beruflichen Chancen ist es verständlich, dass sich die Blicke der Öffentlichkeit und der sozialwissenschaftlichen Forschung verstärkt der Schule zuwenden. Es waren die Forschungsarbeiten von Karlheinz Thimm und Birgit Warzecha, die im schul- und sozialpädagogischen Feld an der Schwell zum neuen Jahrtausend das Phänomen der "Schulverweigerung" näher untersuchten. Auch Fachverbände und Standesoganisationen griffen dieses Thema auf, wie es das Beispiel der Fachtagung "Im Fokus: Schulverweigerung" im November 2000 in Potsdam zeigt, die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit, der Arbeiterwohlfahrt Bundesverband e. V. der GEW-Hauptvorstand und von IN VIA Katholische Mädchensozialarbeit - Deutscher Verband e. V. veranstaltet wurde.

In Potsdam an der Fachhochschule legte auch Frau Daniela Rosenau, in einer Diplomarbeit eine Untersuchung darüber vor, wie sich die Schulverweigerungsproblematik bei schulpflichtigen Mädchen und Jungen entwickelt, die in ein Heim kommen ("Null Bock. Schulverweigerung in Verbindung mit den Hilfen zur Erziehung nach § 34 SGB VIII. Potsdam, November 2005).

Während sich, wie oben erwähnt, Forschungsvorhaben der Schulverweigerung allgemein und damit zusammenhängender Kooperation zwischen den Lebensbereichen Schule, Familie und Jugendhilfe zuwandten, wollte Frau Rosenau das Segment "Heimerziehung" genauer anschauen.

Zu ihren Forschungsfragen gehörten u. a.:

1. Worin liegen die Ursachen für Schulverweigerung bei Kindern in Heimen? Gibt es Zusammenhänge zwischen Schulschwierigkeiten und der Heimerziehung?

2. Wie entwickelt sich Schulverweigerung bei Kindern im Heim und welche Formen sind zu beobachten?

3. Welche Probleme bestehen zwischen Heim und Schule und welche Rolle spielen die Eltern in der Interaktion von Kind, Schule und Heim?


Ich möchte die Ergebnisse dieser Studie, orientiert an diesen Forschungsfragen, so zusammenfassen:

 

 

 

Zu 1.:
Worin liegen die Ursachen für Schulverweigerung bei Kindern in Heimen? Gibt es Zusammenhänge zwischen Schulschwierigkeiten und der Heimerziehung?

Die Ursachen von Schule und Schulleistungs verweigernde Verhaltensweisen haben ein sehr komplexes Bündel an Ursachen. Generell kann gelten, dass die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Schulverweigerungen in dem Ausmaß zunimmt, in dem Grundbedürfnisse eines Heranwachsenden nicht befriedigt werden. Die Symptome, die in einem Kind die Bereitschaft zu verweigernden Verhaltensweisen verstärken, gehören sowohl individuelle seelische Dispositionen wie soziale Einflüsse.
Am Beispiel von Menschen, die als Erwachsene auf eine bemerkenswert erfolgreiche berufliche Karriere zurückblicken konnten obwohl sie in ihrer Jugend ihren Schulbesuch abbrachen bzw. verweigerten, ließ sich das Gemeinte illustrieren. Es handelte sich hierbei in der Regel um Personen, die über ein stablisierendes soziales Umfeld verfügten als auch über eine überdurchschnittliche Lernmotivation, Leistungsbereitschaft, Willenskraft und andere leistungsfördernde Eigenschaften. Dieser Personenkreis darf als Beleg dafür gelten, dass sich Defizite in Teilsegmenten kindlicher Grundbedürfnisse nicht dauerhaft entwicklungsschädigend auswirken, wenn andere Bedürfniselemente und/oder bestimmte Persönlichkeitseigenschaften die ursprünglich vorhandenen Defizite zu kompensieren vermögen.
Auch bei ehemaligen Heimbewohnern sind derartige Auswirkungen am Beispiel ihres Lebenserfolgs nachweisbar.

Wenn auch nicht gesagt werden kann, dass Schulverweigerungsverhalten gleichsam direkt in eine Jugendhilfemaßnahme oder gar in die Heimerziehung münden, so konnte Frau Rosenau festhalten, dass schulische Verhaltensweisen einschließlich Schulverweigerung immer häufiger die Fremdunterbringung eines Kindes begründen hilft.

 

 

 

Zu 2:
Wie entwickelt sich Schulverweigerung bei Kindern im Heim und welche Formen sind zu beobachten?

Die Untersuchungsergebnisse weisen nach, dass die Häufigkeit von Schule verweigernden Verhaltensweisen, hier vor allem als Fernbleiben vom Unterricht verstanden, während des Heimaufenthalts deutlich nachlässt. Wenn auch die Anzahl der befragten Einrichtungen recht klein ist und die Daten nicht mit Hilfe empirischer Forschungsmethoden erhoben wurden, so lassen sich folgende Gründe für diese Veränderungen im Verhalten von Kindern erkennen und, davon gehe ich einmal aus - auch verallgemeinern:

Die pädagogischen Konzepte
Da die pädagogischen Konzeptionen der befragten Einrichtungen übereinstimmend auf die Bedürfnisse der Kinder orientiert sind und hier vor allem darauf abheben, jedes Kind als Persönlichkeit an- und wahrzunehmen, erfahren die Heimkinder in der Regel zum ersten Mal eine wohltuende, der Persönlichkeitsbildung förderliche Akzeptanz.
Die recht ausführlichen Aussagen zu den pädagogischen Konzepten in den Heimen haben theoretischen Charakter. Das heißt, es werden Zielvorstellungen und Vorgehensweisen postuliert, wie sie sich in den schriftlich vorliegenden Konzeptionen der Jugendhilfeeinrichtungen nachlesen lassen. Ob und in welchem Umfang diese guten Ein- und Absichten umgesetzt werden (können) kann von Frau Rosenau nicht überprüft werden.


Strukturen
Nicht zu unterschätzen sind die strukturellen Bedingungen, die die Bereitschaft zu schulverweigernden Verhaltensweisen verringern. Ausdrücklich wurde darauf abgehoben, dass die Hürden dem Unterricht fernzubleiben, einfach sehr hoch sind. Fast unüberwindbar, wenn die Schule im Heim integriert ist und ein Kind, fernab seiner früheren sozialen Umgebung, außerhalb des Unterrichts sich selbst überlassen bleibt. "Es ist viel zu stressig, nach Alternativen zu suchen. Da bleibt das Kind lieber in der Schule bei den anderen Mädchen und Jungen.
Damit ist freilich nichts darüber ausgesagt, ob die Anwesenheit in der Schule auch zu Lernbereitschaft oder gar Lerneifer führt. Es sind lediglich die organisatorischen Voraussetzungen gegeben, die überhaupt erst eine Einflussnahme durch den Lehrer ermöglichen. Ein Schulerfolg ist mit strukturellen Maßnahmen allein, wozu zum Beispiel die Lernunterstützung in der Heimgruppe selbst gehört, nicht garantiert.
Insofern sind rein quantitative Feststellungen, ein Kind im Heim schwänzt die Schule gar nicht oder seltener als es das daheim tat, kein Nachweis für Erfolge der Heimerziehung (vgl. dazu aber die Seite: "Schulverweigerer im Heim")

Von entscheidendem Einfluss auf die Lernmotivation eines schulmüden und schulunlustigen Schülers, sind die Art und Weise, wie die Lehrer mit ihm umgehen und wie sie den Unterricht gestalten, welche Rolle er in seiner Schulklasse einnimmt und welche Qualität die Verbindungen zwischen seinen Lehrern in der Schule einerseits und den Heimerziehern andererseits haben. Es kommt also zunächst einmal auf den Lehrer an. Gerade wenn ein Kind, was nicht selten der Fall ist, zum Beispiel Diskriminierungen durch die Lehrer an seiner Heimatschule erfuhr und dies ein zentrales Ursachenelement seiner Schulverweigerung war, wird es besonders sensibel sein für die Umgangsweisen der neuen Lehrer mit ihm.
Ohne eine gute Kooperation zwischen den Lehrern, die ein Kind im Heim unterrichten und seinen Erziehern ist, was die Schullaufbahn eines Kindes betrifft, eine Fremdunterbringung keine Hilfe. Das gilt für Erziehungshilfen im Heim, in einer Pflegestelle aber auch für alle ambulante Maßnahmen - hier treten die leiblichen Eltern gemeinsam mit den betreuenden Sozialarbeitern an die Stelle des Heimerziehers.
Wenigstens genau so häufig wie die Diskriminierungserfahrungen und Versagenserlebnisse eines Kindes in der Schule sind fehlende Kooperation zwischen den Lebensbereichen bzw. konzeptionelle Divergenzen oder gar die gegenseitige Ablehnung von Eltern und Lehrern eine der Ursachen von Schulverweigerung.
Hier muss zwingend - im Interesse des betreffenden Kindes - ein optimales Zusammenwirken zwischen Heim und Schule hergestellt und gesichert werden.

Aber genau daran hapert es:
Weder gibt es genügend hierfür ausgebildete und gut motivierte Lehrer, noch erfahren die Lehrer ausreichende flankierende, ihre pädagogische Arbeit unterstützende Hilfen durch Schulverwaltung und/oder Jugendhilfeeinrichtung und in nur geringem Umfang sind Inhalte und Formen der Kooperation institutionell verankert und unterliegen, ebenso wie die pädagogische Arbeit in der Schulklasse, einer laufenden Überprüfung und Evaluation.

 

 

 

3.
Welche Probleme bestehen zwischen Heim und Schule und welche Rolle spielen die Eltern in der Interaktion von Kind, Schule und Heim?

Es ist also festzuhalten, dass ein verantwortungsvolles Zusammenwirken von Lehrern und Heimerziehern die Entwicklung von Kindern beeinflusst und ganz allgemein gelten kann, dass ein Kind um so weniger schulisches Arbeiten verweigert, je besser die Kooperation ist und je mehr dieses Kind in die kooperativen Prozesse einbezogen ist.

Die Einrichtungen der Jugendhilfe und die Schulen arbeiten überwiegend nebeneinander als miteinander. Was getan werden müsste, um die Kooperation im Interesse der Förderung der Kinder in ihren Einrichtungen optimal zu fördern ist hinlänglich bekannt. Thimm fasst zum Beispiel seine Empfehlungen zusammen mit der Forderung nach einer "fallübergreifend- strukturell kooperationsfreundlichen Haltung" der pädagogischen Fachkräfte in beiden Bereichen.
Diese Grundbedingung ist nicht gegeben. Sie ist zwar, so ließe sich aus den Konzeptionen von Jugendhilfeeinrichtungen und ihnen zugeordneten Schulen zwar ableiten, theoretisch gewünscht, praktisch aber wird sie weder von den Leitungsgremien gefördert noch von Heimerziehern und Lehrern praktisch umgesetzt.

Ebenso ist konzeptionell die Rolle von Eltern in der Heimerziehung ideal gedacht. So heißt es zum Beispiel: Ziel der Elternarbeit wird es sein, die negativen Entwicklungsbedingungen zu beseitigen und tragfähige positive Gefüge zu schaffen. Dabei ist der Kontakt zwischen Eltern und Kind sehr wichtig. Die Eltern sollen zunächst einen Einblick in das Heim- und Gruppenleben bekommen und den Heimaufenthalt ihres Kindes nicht als Strafe, sondern als Hilfe erleben können. Dafür benötigen sie Einsicht für die Notwendigkeit der Erziehungshilfe. Schuldgefühle sollen abgebaut, positive Beziehungen aufgebaut werden" Rosenau, S. 56; vgl. dazu auch Obersteiner in seinem Aufsatz "Elternarbeit im Heim…" In: Jugendwohl, 3/1994, S. 139).

Frau Rosenau war in Bezug auf die Realität der Zusammenarbeit mit Lehrern und Eltern auf die diesbezüglichen Auskünfte der Leiter von vier Jugendhilfeeinrichtungen, die sie in ihre Studie einbezog, angewiesen. Insofern darf es nicht überraschen, dass überwiegend Absichten und Ziele vorgetragen wurden, die bei drei von vier Einrichtungen in einer möglichst raschen Rückführung in das Elternhaus bestanden. Niemand hatte zum Beispiel erklärt, dass es Eltern gibt, die sich schlicht einer Zusammenarbeit verweigern oder sogar den pädagogischen Intentionen von Heim und Schule entgegenwirken. Niemand auch konnte Auskunft darüber geben, in welcher Art und Weise dieses Ziel durch Elternarbeit erreicht werden könnte.
Dagegen aber bestätigen die Interviews, dass die Zusammenarbeit mit Lehrern bzw. Schulen sehr zu wünschen übrig lässt. Ein Heimleiter sagte zum Beispiel - und das erscheint mir bezeichnend für die bundesweit anzutreffenden Situation zu sein: "Wir sind eher in engem Kontakt mit den Lehrern. Wir kommen auf die Schulen zu und die Schulen kommen dann auch mal auf uns zu": (Rosenau, S. 104).

 

Einige Bemerkungen zum Schluss

Im Grunde bleiben Lehrer in den Schulen und die sozialpädagogischen Fachkräfte in den Jugendhilfeeinrichtungen - so die Botschaft, die ich dieser Untersuchung entnehmen - mit ihren Problemen jeweils auf sich und die Hilfe aus ihrer jeweiligen Institution angewiesen. Eine gegenseitige Hilfe, die über die Informationen über Schulverhalten und Leistungen des Kindes hinausgeht, wird für den jeweils anderen Partner in der Erziehung und Bildung dieses Kindes nicht geleistet. Wenn im Einzelfall so etwas stattfindet und es ein gutes, der schulischen und der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes förderliches Zusammenwirken zwischen Erzieher, Kind und (wenigstens Klassen-) Lehrer gibt, dann ist das eine - vom persönlichen guten Willen und fachlichen Können abhängige - personenbezogene Ausnahme.

Anders gesagt: Es gibt Lehrerinnen und Lehrer und Heimerzieherinnen und Heimerzieher, die, wenn es ihnen vom Arbeitgeber nicht erschwert wird, den hohen Aufwand an Zusammenarbeit leisten. Derartige - gleichsam mustergültige Beispiele - lassen sich nur am Einzelfall belegen und illustrieren. Hier brauchte es in der Jugendhilfe- und schulpädagogischen Literatur mehr veröffentlichte Fallbeispiele.


 

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