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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

Arbeiten für die Schule im Heim

 

Ich gehe davon aus, dass sich die Arbeit in dem Heim aus dem hier berichtet wird, sich von der in anderen Einrichtungen nicht unterscheidet. Leider finden sich in unseren sozialpädagogischen Fachzeitschriften nur wenige Praxisberichte, die darüber Auskunft geben, wie der Alltag im Heim gestaltet ist. Dieser Mangel verhindert vergleichende Analysen.

Allerdings ist dieser Mangel verständlich, da Heimerzieherinnen und Heimerzieher genau so wie Erzieherinnen und Erzieher in Kindertagesstätten oder Lehrererinnen und Lehrer kaum die Zeit finden, neben ihrer Berufstätigkeit sich hinzusetzen und derartige Berichte, wie die auf diesen Seiten eingestellten, zu verfassen. In den Pflegesätzen sind Leistungen für die Bereiche Evaluation und Reflexion nicht vorgesehen und würden, wenn ein Heimträger sie einer Pflegesatzkommission vorlegen würde, dort auch zurückgewiesen. Vermutlich mit dem Hinweis auf wissenschaftliche Einrichtungen wie Hochschulen oder Institute, die jene Einrichtungen "beforschen" sollen und wollen.

Sollte eine Besucherin oder ein Besucher dieser Seiten Arbeiten aus diesen wissenschaftlichen Einrichtungen kennen, die sich ebenfalls den hier angebotenen Themen widmeten und zum Vergleich geeignete Untersuchungen veröffentlichten, wäre ich für einen Hinweis dankbar.

Dr. Joachim Rumpf
15.10.2005

 

 

Die hier mitgeteilten Erfahrungen beziehen sich auf 268 schulpflichtige Mädechen und Jungen, die zwischen 1969 und 2003 aus einem Heim entlassen wurden. Diese Seite ist Teil aller über die Heimerziehung hier veröffentlichten Mitteilungen. Da aber jeder Aufsatz als Einzelarbeit verfasst wurde, sind Überschneidungen nicht immer vermeidbar

 

 

Bei den meisten der Kinder, die wir aufnahmen, war die Schule als diagnostizierende Instanz im Zusammenhang mit der Begründung der Hilfen maßgeblich beteiligt. Zu den am häufigsten genannten Auffälligkeiten wurden von den Schulen Schulschwänzen (65%) und Leistungsverweigerung (51%) genannt. Vor allem seit den siebziger Jahren, haben schulische Probleme in den Begründungen für eine Heimunterbringung einen immer größeren Stellenwert eingenommen. Die Anteile, die die Schule selbst am Entstehen oder der Verstärkung von Schulvermeidungsverhalten hatte, werden ganz selten thematisiert. Nur ausnahmsweise lassen sich Hinweise auf ein Mitverschulden von Lehrern entdecken.
Vor diesem Hintergrund verdienen die nachfolgenden Erfahrungen unsere besondere Aufmerksamkeit:

1. Ganz gleich aus welchen Gründen die betreffenden Kinder und Jugendlichen sich weigerten, eine Schule zu besuchen, so fügten sich die meisten sofort und einige nach wenigen Versuchen ausnahmslos, in die im Heim gelebten Norm: Jeden Morgen gehen alle Kinder zur Schule.
Hierzu eine Assoziation: In einem Kinderheim wird in Gruppen erzogen. Ein wichtiges Element alle gruppenpädagogischen Konzepte sind die anderen Kinder. Das, was die anderen Kinder tun und lassen, wirkt auf jedes einzelne als "Gruppendruck" oder, wie es fachlich korrekter heißt: "Erziehung durch die Gruppe". So etwas wirkt sich, wie wir täglich erfahren müssen, auch negativ aus. Am Beispiel des Schulbesuchs aber lassen sich die positiven Auswirkungen der Gruppe belegen. Hierzu gehört auch die nachfolgende Beobachtung.

2. Kein Kind musste mit irgendwelchen pädagogischen Mitteln (Drohungen, Strafen, Belohnungen) gezwungen werden, zur Schule zu gehen. Es gab aber auch keine Diskussion darüber. Im Gegenteil: die Routine half den meisten Kindern, sich nicht schon am frühen Morgen der Schule zu verweigern. Alle Kinder beherrschten die Abläufe - vom Aufstehen, Waschen. Anziehen, Betten auslegen, zum Frühstücken gehen, die Schultasche und die Sportsachen aus den "Schulfächern" nehmen, in der Garderobe Anoraks und Schuhe anziehen und hinunter zum Schulbus laufen - relativ rasch und selbständig.

3. Dagegen aber kam es in der Schule nicht selten zu Leistungsverweigerungen und anderen Konflikten. Die brachten den betroffenen Kindern, auch wenn sie eine Schule für Erziehungshilfe besuchten, Schulstrafen ein, die bis zu kurzfristigen Schulausschlüssen führen konnten. Die betreffenden Kinder waren dann allein im Hause. Sie erhielten zwar eine schulische Einzelbetreuung durch ihre ErzieherInnen, wofür die Lehrer meistens Aufgaben zur Verfügung stellten, doch in den Ausgang durften sie nicht. Es gehört zur Norm in unserer Einrichtung, die von Allen strikt beachtet wird, dass die, die ihre schulischen Pflichten nicht erfüllten, das Heimgelände nicht verlassen. Nicht selten bemühten sich die betroffenen Jugendlichen allein darum schon, bald wieder zur Schule gehen zu können. Dort waren die anderen Gefährtinnen und Gefährten und gab es allerlei Kurzweil bis hin zu erheblichen Störungen des Schulbetriebes.

4. Das Schulbesuchsverhalten bedeutete keineswegs, dass die Kinder gerne zur Schule gingen oder gar mit Interesse ihre schulischen Arbeiten in der Schule oder nachmittags in der Hausaufgabenstunde erledigten. In Bezug auf die Einstellungen und Motive im Zusammenhang mit den schulischen Pflichten änderte sich nichts oder nur wenig. Hier bei den Mädchen und Jungen eine Veränderung zu erreichen, setzt einen am Kind orientierten Unterricht mit entsprechenden Lehrerverhaltensweisen und eine gute, der schulischen und persönlichen Entwicklung des Kindes dienliche, Kooperation zwischen Erziehern und Lehrern voraus. Was alles dies im Einzelnen und konkret bedeutet, lässt sich in der Leistungsbeschreibung der Heimschule Rickenbach nachlesen.
Leider aber sind diese Konzepte bisher keine Praxis. Stattdessen befinden sich Erzieher in der gleichen Rolle wie Eltern, sofern sie in recht einseitiger Weise Erfüllungsgehilfen schulischer Leistungs- und Verhaltenserwartungen sind und keine oder nur unzureichenden Einfluss auf die für unsere Kinder notwendigen individuellen Lernbedingungen haben.

5. Unabhängig von diesen, für eine Verbesserung der Lernmotivation ungünstigen Rahmenbedingungen, stehen wir in der Pflicht, mit unseren Kindern den ihnen möglichen Schulabschluss beziehungsweise die in den Hilfeplänen vereinbarten Ziele zu erreichen

Als unverzichtbar und als sehr zweckmäßig hat sich hierbei in den vergangenen Jahrzehnten und bei allen Kindern die konsequente Beachtung folgender Arbeitsbedingungen erwiesen:

- Jedem Kind zu helfen, seine schulischen Arbeitsmittel vollständig und einsatzbereit zu haben. Wenn es im Einzelfall notwendig ist, muss das täglich kontrolliert und unermüdlich eingefordert werden.

- Bei jedem Kind darauf zu achten, dass die Heftführung sauber und vollständig ist. Vor allem in den so genannten Sachfächern (oft auch Nebenfächern) kann allein dadurch und unabhängig vom Verhalten eines Kindes in den entsprechenden Unterrichtstunden eine ausreichende Bewertung (für das Zeugnis) erreicht werden.

- Jedem Kind helfen, seine Hausaufgaben regelmäßig und zuverlässig zu erledigen und bei nachweisbarer Überforderung sich mit dem Lehrer über Umfang und Anforderungen zu verständigen. Die Ergebnisse eines derartigen Verständigungsprozesses müssen schriftlich festgehalten werden, damit alle mit diesem Kind arbeitenden Fachkräfte informiert sind und sich daran halten.

- Für die Förderung der Arbeitshaltung unserer Kinder ist ein hohes Maß an Übereinstimmung der Fachkräfte untereinander in Bezug auf die jeweiligen Erwartungen an das Kind und die hier genannten Rahmenbedingungen unverzichtbar. Überschreiten unterschiedliche Erzieherverhalten bei der Hausaufgabenbetreuung die Toleranzspielräume der Kinder (die Grenzen dieser Spielräume zeigt uns das Kind selbst, wenn es sie nämlich einseitig zu Gunsten seiner Unlust ausnutzt), gefährden sie den Schulerfolg und damit die im Hilfeplan vereinbarten Ziele.

Die Beachtung dieser und anderer bewährter Arbeits- und Verhaltensnormen, noch einmal sei es gesagt, verändern das Leistungsverhalten von Schulkindern nicht. Hierzu bedarf es vor allen Dingen entsprechender Unterrichtsbedingungen. Und die zu beeinflussen, liegt außerhalb der Zuständigkeit einer sozialpädagogischen Fachkraft. Unsere Aufgabe bleibt, gegen alle Widerstände jenes Mindestmaß an Leistungen für die Schule erbringen zu lassen, die das Scheitern eines Kindes dort verhindern. Unter unseren renitentesten ehemaligen Schulkindern gibt es auch die, die heute einsehen, dass ihnen ihre Widerstände den Einstieg ins Berufsleben nicht erleichterten. Denken wir nur an Walter, Max, Thorben, Detlef oder Anton (Namen geändert J. R.). Dennoch haben sie etwas aus sich und ihrem Leben gemacht und knüpften später ausdrücklich an jene Normen an, deren Beachtung wir unermüdlich von ihnen einforderten. Unter anderem auch mit der Hoffnung auf derartige "Fernwirkungen" begründen wir unsere täglichen Mühen in Bezug auf schulische Arbeiten.

 

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