Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Sexualerziehung


 

Einführung

Heute ist es selbstverständlich, dass Sexualität oder Geschlechtlichkeit öffentlich diskutiert werden. Prostituierte treten öffentlich auf und immer weniger Menschen machen davon Aufhebens. Über Bildschirmmedien werden Transvestiten-Shows ebenso in unsere Wohnstuben gesendet, wie - mal mehr mal weniger deutlich - sexuelle Kontakte beziehungsweise Pornographie selbst. Insofern kommt der Gag in einer Kabaret-Sendung der Realität sehr nahe, wenn darin der Vater dem Sohn über die Fortpflanzung aufklären soll und hierbei auf die gemeinsamen Erlebnisse in einem Pariser Bordell verweist. Seit der weiten Verbreitung von Computern in Kinderzimmern und dem von Eltern geduldetem Zugang in das Internet, werden Nutzern - also auch Kindern und Jugendlichen - eine Fülle an pornographischen Darstellungen angeboten. Unsere Heranwachsenden bedürfen im Grunde der Aufklärung durch uns nicht mehr und wissen früher und mehr über Sexualität wissen, als wir annehmen. Das gilt allerdings nur für die biologischen Vorgänge und damit zusammenhängende sexuelle Praktiken.
Allerdings bleibt die Frage offen, ob wir Eltern uns auch noch die Sexualerziehung aus der Hand nehmen lassen wollen oder dürfen. Nach dem in Veranstaltungen zur Elternbildung vertretenem Verständnis von erzieherischer Verantwortung muss diese Frage eindeutig verneint werden und wir halten vorab fest:

Die Erziehung zu Liebe und Sexualität ist wichtiges Element einer Entwicklung hin zu einer erfüllten menschlichen Existenz.

In drei Schritten wollen wir uns in gebotener Kürze mit diesem Problem befassen. Zunächst werden einige Informationen über die sexuelle Entwicklung gegeben (1). Dann werden drei Positionen zur Geschlechtserziehung vorgestellt (2) aus der die praktischen Konsequenzen zu ziehen sind (3).

 

 

2.
Sexualität ist natürlich

Sexualität ist ebenso natürlich, wie die anderen existentiell notwendigen Bedürfnisse, also wie zum Beispiel Essen, Trinken, Schlafen, oder Bewegung. Der Geschlechtstrieb freilich dient nicht in erster Linie beziehungsweise ausschließlich der Befriedigung eines subjektiven Bedürfnisses. Von der Natur her hat er den Zweck, für die Fortpflanzung zu sorgen. Und dazu gehören jeweils ein andersgeschlechtlicher Partner. Insofern ist Sexualität sozusagen von Natur aus ein Element sozialer Beziehungen und hier wieder in erster Linie zwischen Frau und Mann. Mehr als alle anderen natürlichen Erscheinungen ist dieses Element unserer Existenz kulturell überformt. Allein der Gedanke an die Schöpfungsgeschichte deutet an, was gemeint ist. Und schauen wir in unseren Alltag oder in den unserer Vorfahren, so ließe sich etwas schablonenhaft darauf verweisen, dass alles seine Zeit hatte: Schlafen, Mahlzeiten, Arbeit und Erholung - aber auch die Sexualität. Und selbst in Zeiten großer Freizügigkeiten, wie wir sie jetzt erleben, kommt der sexuellen Beziehung zwischen Frau und Mann eine besondere Bedeutung zu. Die Scheidungszahlen steigen. Zu den häufigsten Gründen gehört die Untreue. Und in noch mehr Fällen, als es die Scheidungsstatistik verrät, bildet der Ehebruch den Grund für schwere Beziehungsstörungen zwischen Frau und Mann. Daran hat sich also nichts geändert - so modern wir auch geworden sind. Es ist gerade diese Erkenntnis, die auf die Notwendigkeit verweist, Sexualerziehung als einen wichtigen Teil der Sozialerziehung zu verstehen, also der Erziehung auf den richtigen zwischenmenschlichen Umgang hin. Wie sollte das praktisch geschehen?

Genauso wie die anderen Grundtriebe ist die Sexualität bereits bei der Geburt im Menschen angelegt. Sexualforscher haben nachgewiesen, dass die mit der Sexualität verbundenen Gefühle, wie Spannungszustände, Lust oder Entspannung bereits in den ersten beiden Lebensjahren beobachtet werden können. Diese primär subjektiven, also in mir ablaufenden Gefühlszustände und Empfindungen, die sich im Genitalbereich lokalisieren lassen, sind eher allgemeiner Natur und begleiten uns unser ganzes Leben. Von diesen Zuständen und Empfindungen unterscheiden wir jene, die zwar in ihnen eingebettet sind, aber dennoch spezifische Ausdrucksformen erhalten. Es sind die Formen zwischengeschlechtlicher Sexualität, die mit der Zeugungs- und Gebärfähigkeit beginnt. Wir bezeichnen diese Entwicklungsphase als Pubertät oder Geschlechtsreife. Weil wir über Generationen hinweg so taten, als wäre mit Beginn dieser Phase Sexualität überhaupt erst ein Thema in der menschlichen Entwicklung ist für unser pädagogisches Anliegen die Erkenntnis wichtig, dass Geschlechtsreife eingebettet ist in die allgemeine Natur unserer Sexualität die unser ganzes Leben begleitet von der Geburt bis zum Tod. Niemand käme zum Beispiel auf die Idee zu behaupten, dass mit der Zeugungs- und Gebärfähigkeit die Sexualität erlischt.

Mit natürlichen Erscheinungen sollten wir natürlich umgehen.
Wir brauchen uns also nicht zu wundern, dass ein Kind im dritten Lebensjahr eines Tages entdeckt, dass Menschen verschieden sind. Lebte unsere Tochter/unser Sohn während der ersten beiden Lebensjahre noch ohne Bewusstsein der eigenen spezifischen Geschlechtlichkeit, so bemerkt unser Kind, dass das andersgeschlechtliche Geschwisterkind oder Elternteil im Genitalbereich anders aussieht. Und prompt können sich entsprechende Fragen einstellen: "Mama, bekomme ich auch ein Glied?" wird das kleine Mädchen fragen (vorausgesetzt natürlich es sind zuvor von den Eltern die begrifflich zutreffenden und völlig neutralen naturkundlichen Bezeichnungen verwendet worden). Mädchen haben eine Scheide, Buben ein Glied. Diese Benennung ist korrekt und sollte stets und ohne Scheu und Untertöne so verwendet werden. Es gibt keine Legitimation, außer unserer eigenen Unzulänglichkeit im Umgang mit Sexualität, Körperteilen und Körperfunktionen andere Bezeichnungen oder Gehalte zuzuordnen als eben die natürlichen.

Was natürlich ist und selbstverständlich, wird auch nicht mit Geheimnissen umgeben. Wir können davon ausgehen, dass überall dort, wo auf die Kinderfragen und kindliche Verhaltensweisen im hier vorgetragenen Sinne reagiert wird, sexueller Mißbrauch erschwert ist. Kinder - zumindest die, die älter sind als drei Jahre und über die entsprechende Ausdrucksfähigkeit verfügen, können sich leichter mitteilen, wenn ihnen die Benennungen vertraut sind und sie wissen, dass sie darüber sprechen können ohne dass ihre Umgebung abweisend reagiert.

Dies aber ist nur eine Komponente von Sexualerziehung innerhalb der Familie.

 

 

3.
Sexualität als soziales Verhalten

Menschliche Sexualität ist nicht nur triebgesteuert. Der Mensch kann sich, und darin unterscheidet er sich vom Tier, von seinen Trieben distanzieren, sie bewusst wahrnehmen und steuern. Menschliche Sexualität ist weiter soziokulturell bedingt. Das heißt zum Beispiel, dass menschliches Sexualverhalten davon abhängt, in welcher Zeit und Kultur und als Angehöriger welchen Volkes ein Mensch heranwächst. Für die Pädagogik ist hierbei die Erkenntnis bedeutsam, dass das Sexualverhalten vor allem von der sozialen Umwelt anerzogen wird.
Als Sexualverhalten sind hier alle der Sexualität dienenden beziehungsweise bewusst auf sie hinsteuernden verbalen und nonverbalen Verhaltensweisen der einzelnen Person in der Begegnung mit anderen gemeint. Sexualverhalten ist also Teil des sozialen Verhaltens, Sexualerziehung ein Teil der Sozialerziehung.
Martin Buber unterscheidet in der zwischenmenschlichen Begegnung zwei Grundhaltungen:

Die eine ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Person eine andere vorwiegend als "Es", als Objekt betrachtet. Im Alltag heißt das zum Beispiel, dass bei einer solchen Einstellung ein anderer Mensch an seinem Nutzen gemessen wird, etwa an der Frage: was bringt es mir, wenn ich mich dem anderen zuwende? Für das Sexualverhalten eines Menschen mit dieser Haltung würde das heißen, dass sein Sexualpartner ein Objekt seiner Triebbefriedigung wäre.
Die andere Grundhaltung ist die, nach der eine Person die andere als "Du" anerkennt, nicht also als Objekt, sondern als ein personal-agierendes Subjekt. Im beruflichen und außerberuflichen Alltag heißt das nichts anderes, als dass einer den anderen in seiner Persönlichkeit wahrnimmt und akzeptiert und dass die Beziehungen zwischen den Menschen auf gegenseitiger Achtung und auf Anerkennung der Menschenwürde beruhen. Auf das Sexualverhalten übertragen kann eine "Du-orientierte" Haltung als die Fähigkeit beschrieben werden, die emotionale, soziale und motivationale Situation des Partners wahrnehmen, akzeptieren und sich entsprechend verhalten zu können.

Beide der hier angedeuteten Grundhaltungen können in ein und derselben Person zeitweilig oder dauerhaft vorhanden sein. Jede dieser Grundhaltungen kann sich aber auch zu einer überwiegenden Eigenschaft verfestigen, das heißt, jede dieser Haltungen hat die Möglichkeit sich in einer Person als die bestimmende durchzusetzen. Ob ein Mensch eher ein triebhaft-objektorientiertes oder eher ein kulturell überformtes subjektorientiertes Sexualverhalten realisiert, liegt in der Verantwortung der ihn erziehenden und bildenden Kräfte: also seiner Eltern, seiner Erzieher und Lehrer, den Freundeskreisen oder Kameraden innerhalb und außerhalb von Vereinen, aber auch den "geheimen Miterziehern", wie zum Beispiel den Massenmedien.


 

4.
Sexualität und Entwicklung

Ulrich Diekmeyer spricht in seinem dritten Elternbuch ("Unser Kind im dritten Lebensjahr", Hamburg 1992, S. 113) von der "ersten kritischen Phase", wenn unser Kind im dritten Lebensjahr deutlich wahrnehmbare sexuelle Neugierde zeigt. Kritisch ist diese Phase unsertwegen: Es kommt darauf an, wie wir auf kindliche Interessen oder Äußerungen reagieren.
Unser Kind beginnt ab dem dritten Lebensjahr sich für seine Geschlechtsorgane zu interessieren. Wir sprechen von einer "Schau- und Zeigelust". Wir können beobachten, wie unsere Kinder feststellen, dass sich Bube und Mädchen beim Urinieren anders verhalten und entdecken zum Beispiel bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal bewusst den kleinen Unterschied. Das löst wiederum Fragen aus "Mami, kriege ich auch noch so ein Glied?" fragt die Schwester. Aber auch Vater und Mutter werden nun mit etwas anderen Augen angeschaut. Sogar die ersten Doktorspiele mit den Untersuchungen am anderen Kind, dem gegenseitigen Betasten und Betrachten nehmen in dieser Phase ihren Anfang.
Alle diese Verhaltensweisen gehören zur normalen Entwicklung unserer Kinder. Und je selbstverständlicher wir Erwachsenen damit umgehen und je weniger wir eine Staatsaktion aus unseren Beobachtungen machen, um so eher geht unser Kind zur Tagesordnung über.


 

5.
Erziehung und Sexualität

Wir sprechen von den "drei Formen von Sexualerziehung" und unterscheiden:

Die tabuisierende Sexualerziehung.
Von tabuisierender Sexualerziehung wird gesprochen, wenn Eltern und Erzieher Probleme des sexuellen Verhaltens aus ihrem Erziehungsalltag ausklammern. Etwa nach dem Motto: "Darüber spricht man nicht". Oder, was ebenso schlimm ist: "Unser Kind sieht so viele Filme mit sexuellen Handlungen, da braucht es keine Aufklärung durch uns mehr".
Das Thema ist in den betreffenden Lebensbereichen also "tabu". In derartigen Fällen bleiben die Heranwachsenden mit ihren Triebempfindungen sich selbst überlassen und damit auf die indirekten Erziehungseinflüsse aus der näheren und weiteren sozialen Umwelt her angewiesen.
Nicht selten "tabuisieren" die Heranwachsenden derartige Themen selbst im Umgang mit ihren Eltern. Diese Zurückhaltung sollten Eltern und Erzieher respektieren. In einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens müssen wir Eltern uns da keine Sorgen machen und schon gar nicht sollten wir von uns aus meinen, wir müssten unsere Pubertierenden zu Gesprächen über Sexualität "animieren".

Die animierende Sexualerziehung.
Die animierende Sexualerziehung wird überall dort praktiziert, wo aus einem entsprechenden Menschenbild heraus der Sexualität eine dominierende Funktion in der Entwicklung des Menschen eingeräumt und die kulturelle Überformung des Sexualtriebes als Triebunterdrückung, ja als Unterdrückung des Menschen überhaupt betrachtet wird. Nach diesem Konzept ist ein Mensch frühzeitig an Sexualität und entsprechende Haltungen und Verhaltensweisen heranzuführen. Kindliche Sexualität wird von Eltern und Erziehern nicht der Entwicklung eines Kindes überlassen, sondern bewusst gefördert und zum Beispiel die Nutzung pornografischer Darstellungen toleriert..
Es gibt einen Mittelweg, die "akzeptierende" Sexualerziehung:

Die akzeptierende Sexualerziehung.
Hierunter verstehen wir, dass Eltern und Erzieher um die Triebbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen wissen, jedoch deren mögliche Erscheinungsformen in den verschiedenen Entwicklungsphasen nicht fördern oder gar erst "animieren", sondern sie, sofern sie auftreten, verantwortlich (das heißt zum Beispiel: gesprächsbereit und offen) begleiten.
Menschliche Sexualität wird akzeptiert und pädagogisch verantwortlich begleitet, nicht verdrängt, verboten, stimuliert oder gar gefordert.

 

 

 

6.
Erläuterungen und Schlussfolgerungen

Nun sind diese drei Orientierungen so etwas wie ein "Grundmuster" Im Alltag unseres Familienlebens empfiehlt es sich mit wachen Sinnen, gutem "Hinhören" und "Hinfühlen" herauszuspüren, wann unserem Mädchen oder Jungen irgendwie "der Schuh drückt". Das kann Ärger mit Schule oder einem Klassenkameraden sein, ein schlechtes Gewissen, weil Familiennormen übertreten wurden oder auch "Liebeskummer". Und ob und bei welcher Gelegenheit unser Kind sich uns gegenüber öffnet, und fragt oder sich anvertraut, das wissen wir nicht, das können wir nur selten planen (wie zum Beispiel mit Hilfe einer "Familienkonferenz", wie es Thomas Gordon in einem weit verbreiteten Buch empfiehlt). Da braucht es unsererseits unter Umständen viel Geduld und viel Vertrauen und unsere Fähigkeit zu spüren, wann der Moment gekommen ist, an dem wir Zeit für ein Gespräch mit unserer Tochter / unseren Sohn haben müssen.

Von herausragender Bedeutung in der Erziehung zu einem guten Umgang mit der eigenen Geschlechtlichkeit und in Bezug auf die Vorbereitung zur zwischenmenschlichen Sexualität als Teil sozialer Kontakte ist wiederum das Vorbild der Älteren beziehungsweise der Eltern.

Je mehr die Eltern die eigene Sexualität in all ihren Erscheinungen positiv leben oder erlebt haben, um so eher sind sie in der Lage, jene natürliche Haltung ihren Kindern gegenüber zu wahren, von der hier die Rede ist. Wer in dieser Beziehung mit sich selbst nicht zurecht kommt, Hemmungen hat oder eine Scheu, sich diesen Themen offen und unbefangen zu stellen, dem wird es schwerer fallen oder gar unmöglich sein, den Kindern gegenüber jene akzeptierende Haltung einzunehmen, die für die kindliche Entwicklung förderlich wäre.
Es ist bereits darauf hingewiesen worden, dass Sexualerziehung zugleich Sozialerziehung ist. In unserer Kultur ist Sexualität ein Teil der Partnerschaft und in unserer Vorstellung Ausdruck der Liebe zwischen zwei Menschen. Diese Liebe sollten unsere Kinder miterleben. Am Beispiel der alltäglich gelebten liebevollen Beziehung zwischen Mutter und Vater beziehungsweise zwischen Frau und Mann, verinnerlichen unsere Kinder jene Haltung und Verhaltensweisen, die ihnen später in der eigenen Partnerbeziehung Orientierung geben. "Liebe" in einem humanistischen Verständnis drückt sich aus in der Achtung mit der wir unserem Partner begegnen, in der Beachtung seiner Würde und eigenen Bedürfnisse. Eine Frau oder ein Mann sind nicht "Objekte" unserer eigenen Wünsche, Bedürfnisse oder Begierden, sondern Persönlichkeiten, mit denen wir in besonderer Weise verbunden fühlen.

Um das Gemeinte deutlicher zu machen: Eine Vergewaltigung, also Sexualität gegen den Willen eines Partners, oder andere Formen unwürdigen Verhaltens (flegelhaftes Verhalten, Schlagen oder Beschimpfen) sind nicht Ausdruck zwischenmenschlicher Liebe, sondern Ausdruck von Gewalt, Brutalität oder Missachtung menschlicher Würde. Wir Erwachsenen können nicht so tun, als hätten die menschlichen Grundrechte innerhalb unserer vier Wände keine Gültigkeit. Wer seinen Partner schon nicht lieben kann, der sollte wenigstens seine Persönlichkeit achten. Das Verfassungsgebot "die Würde des Menschen ist unantastbar..." füllen wir mit Leben, wenn wir die Würde unserer Nächsten nicht verletzen. In diesem Zusammenhang sei ausdrücklich auf das Kapitel über unsere Grundbedürfnisse hingewiesen. Im Zusammenwirken aller dort genannten Bedrürfnisse, die als gleichwertig und einender wechselseitig beeinflussend und durchdringend zu denken sind, erhält auch unsere Sexualleben seinen Platz. An diesem Bedürfniselement wird aber zugleich deutlich, dass nicht alle Bedürnisse und schon gar nicht jeder Zeit mit gleicher "Macht" befriedigt sein müssen, um ein erfülltes, sinnvolles und zufriedens Leben zu führen. Wer mal mehr mal weniger freiwillig zum Beispiel auf sexualle Praxis verzichtet, wird nicht nur ein für ihn plausiblem Grund hierfür haben, sondern sogar für sich einen Ausgleich schaffen, vielleicht sogar ihn "sublimieren". Die Literatur - vor allem die über Leben und Schicksal all jener Frauen und Männer, die das Zölibat wählten - ist voll von derartigen Beispielen (denken wir nur an den Bestseller von Umberto Eco aus dem Jahre 1982: Der Name der Rose).

Für Kinder, die Zeugen der Verletzung der Menschenwürde in der eigenen Familie werden, sind die Folgen katastrophal. Zu den schwierigsten, verstörtesten und aggressivsten Kindern, mit Sozialarbeiter und Therapeuten zu tun haben, gehören jene, die eine Vergewaltigung ihrer Mutter durch deren Partner miterlebten. Sei es, dass sie Augenzeugen oder Ohrenzeugen (draußen vor der verschlossenen Schlafzimmertür) waren. Und ein Mann, der seine Frau missbraucht, schlägt und beschimpft sie auch.

Zu den elementaren biologischen Phänomenen unserer Existenz gehören Zeugung, Geburt und Tod sowie die Prozesse des Heranwachsens in der Jugend, der Reife und des Alters und den Erfahrungen unserer Anfälligkeit (Unfälle und Erkrankungen) und Hinfälligkeit (Alterung). Und alle Entwicklung vollzieht sich in sozialen Einbindungen. In den meisten Kulturen vollzieht sich der Zeugungsakt von alters her in einer von Dritten abgetrennten Sphäre, die wir heute zur Intimsphäre von Ehepaaren beziehungsweise Liebespaaren zählen. Im Gegensatz hierzu kennen wir die Pornographie, die inzwischen über Internet, Video- und Fernsehfilme auch in Wohnungen - also in die Intimsphäre von Familien Einzug gehalten hat. In der Sprache unserer Kinder, vor allem jener, die selbst derartige Filme sahen, hören wir Worte, wie sie bisher überwiegend in Kneipen, an Arbeitsplätzen, beim Militär oder im Zuhälter-Milieu als Zeichen von Männlichkeit oder als subkultureller Sprachcode gebraucht wurden. Auch während der Pubertät ist der Gebrauch ebenso anrüchiger wie kräftiger Begriffe und Flüche durchaus nichts Ungewöhnliches. Wir sagen darum auch gelegentlich, dass ein Erwachsener, der sich gern dieser Sprache bedient, "nicht aus der Pubertät herausgekommen ist" (vgl. dazu unten: Absatz 7!).

Parallel zur Sexualisierung verläuft die Brutalisierung der Sprache. Noch einmal sei daran erinnert, dass dies nicht erst eine heute auftretende Zeiterscheinung ist! Neu - und darum bemerkenswert bis störend - kommt uns der Gebrauch durch Kindermund vor. Und Eltern wie Erzieherinnen und Lehrerinnen und Lehrer klagen über diese Erscheinung und fragen danach, wie sie zu verändern wäre.
Überall dort, wo sich Eltern und Erzieher Sorgen über diese Entwicklung machen, wäre zunächst eine Verständigung darüber zu erreichen, welche Sprache wir als Umgangssprache zwischen Menschen akzeptieren wollen und welche nicht. Am Anfang stünde also eine Wertentscheidung. Haben wir uns entschieden, dass wir keine Wörter aus der "Gossensprache" akzeptieren wollen, dann haben wir die Konsequenzen zu leben. Das heißt, wie in anderen pädagogischen Feldern auch, mit gutem Beispiel voranzugehen.
Erst dann ist es sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, mit welchen Strategien wir den sprachlichen Entgleisungen unserer Kinder begegnen. Im Grunde gelten hier die gleichen Verhaltensempfehlungen wie wir sie unter den Stichworten, "Drohung und Strafe" oder "Aggression und Gewalt" ebenfalls finden können.

Zu einer geglückten beziehungsweise beglückenden und das Leben erfüllenden Partnerschaft und Sexualität gehören sowohl die Abwehr negativer Einflüsse wie das Vorleben guter, auf Achtung, Akzeptanz und Zuneigung beruhender Beziehungen zwischen Mutter und Vater. Zum liebevollen Umgang gehören aber auch Zärtlichkeit und Zeit, die wir bereits im Zusammenhang mit der Liebe, die unsere Kinder brauchen, erwähnten. Eltern zeigen ihren Kindern, dass sie sich mögen, wenn sie sich küssen, bei den Händen halten oder gelegentlich eine kleine Freude bereiten. Auch hier gilt das Gebot der Unbefangenheit und Selbstverständlichkeit mit denen derartige Liebesbeweise in den Alltag eingebettet sind.

 

 

 

7.
Aktuelle Tendenzen:
Pornographie statt Sexualerziehung?

 

Das hier vorgetragene Konzept einer Sexualerziehung als ein bedeutsamer Bestandteil einer humanistisch orientierten Einflussnahme auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist zwar bereits vor dreißig Jahren verfasst worden, in der Gegenwart aber nach wie vor gültig. Mehr noch:

Es ist zurzeit immer selbstverständlicher geworden. Die intimsten zwischenmenschlichen Beziehungen, zu denen das Sexualleben gehört, öffentlich zur Schau zu stellen.
Diese Öffentlichkeit wird sogar Kindern und Jugendlichen zugänglich gemacht.
Darum ist es geradezu ein Gebot für alle, die in dieser Gesellschaft Verantwortung für Heranwachsende tragen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die öffentliche Sexualisierung, die Pornographie, die seelische und soziale Entwicklung jedes einzelnen Heranwachsenden beeinträchtigt.

Anlass für die Ergänzung meines Aufsatzes bietet eine Sendung des SWR "Wissen" am 13. Oktober 2007 an. Dort berichten Mädchen und Jungen:

"Ja, ich denke, so mit 13, 14 fängt man mit Freunden vielleicht mal an, so was zu gucken - vielleicht hat's einer auf dem Computer, dann zeigt man's dem anderen." - "Gott, ich würd sagen, das fängt schon an mit 9, 10, bei jüngeren Schülern ist es schon so, dass sie sich das zusammen angucken und dann der eine sagt: ja, schick mir das doch mal bitte, das wär so geil ..." - "Eher von den unteren Klassen geben damit an und haben so etwas wie eine Sammlung auf dem Handy von kleineren Pornos."


Am gleichen Tag finde ich in einer Tageszeitung (Bad. Zeitung v. 13.10.2007) einen Leserbrief zum Thema psychische Erkrankungen:

"Was haben wir falsch gemacht, dass unser Kind krank geworden ist?"
Und die Fachkraft antwortet: "Es gibt in der Regel kein spezifisches Fehlverhalten von Eltern…
"

Und nun stellen wir die Inhalte der Sendung "Pornographie statt Aufklärung" der Reaktion der Fachkraftgegenüber, dass für seelische Erkrankungen keine spezifischen Fehlverhalten von Eltern verantwortlich zu machen sind.

Die Fachkraft hätte nach meiner Überzeugung antworten müssen:

Wenn Sie ausschließen können, dass von Ihnen alle Grundbedürfnisse Ihres Kindes beachtet wurden, dann lässt sich keine Ursache benennen. "Manchmal entzieht sich eine psychische Krankheit auch jeder Logik" (heißt es in der abgedruckten Antwort).

Aber eben nur "manchmal".

Es kann ja nicht ausgeschlossen werden, dass im gemeinten Fall die Folgen eines exzessiven Konsums pornografischer Darstellungen und den diesen Konsum fördernden (oder verursachenden) Rahmenbedingungen zu einer psychischen Erkrankung geführt haben.

Als erwiesen muss gelten, dass die Vorliebe für ponografische Darstellungen und aggressives Sexualverhalten im Erwachsenenalter Ausdruck seelischer und sozialer Fehlentwicklungen ist. Heranwachsenden, die diesem Konsum ausgeliefert sind, drohen schwere seelische Verstörungen beziehungsweise Fehlentwicklungen.
Es sind vor allen anderen die folgenden Auswirkungen, die beobachtet wurden:

Pornographie ist und fördert aggressives Verhalten.
Pornographie entstellt das Bild des jeweils anderen Geschlechtspartners.
Pornographie bildet ein asoziales Sexualverhalten ab.

Was pornografische Darstellungen nicht leisten, und das erscheint als eine besonders schwerwiegende Folge derartiger Bilder und Filme, das ist eine Aufklärung im Verständnis einer sozialen, vom Sexualpartner her fühlenden und denkenden Haltung. Stattdessen wird den Konsumenten suggeriert, dass egozentrische, an der Befriedigung eigener sexueller Bedürfnisse orientierte Praktiken, das Normale seien und das Frauen und Männer gleichermaßen ein derartiges egozentrisches Geschlechtsleben - gleichsam von Natur aus - wünschen. Im Grunde lernen weder Mädchen noch Jungen, wie sie mit ihrer Sexualität in einer konkreten und mit einem emotional gewünschten Partner umgehen sollten.
Es ist gerade das hieraus entstehende Missverständnis, oder besser: es sind diese grundfalschen Botschaften, die, wenn sie in einem Menschen Wurzeln geschlagen hat, für das eigene Versagen in Partnerschaftsbeziehungen und deren Scheitern verantwortlich zu machen sind.

Insofern trug die Sendung des SWR dazu bei, die Grundsätze einer verantwortlichen Sexualerziehung, wie sie auf dieser Seite vertreten werden, mit außergewöhnlicher Deutlichkeit und am extremen Gegenteil aufgezeigt, zu bestätigen.

Alle Rahmenbedingungen, die den Konsum pornografischer Bilder und Filme begünstigen verstärken deren Auswirkungen.

Zu diesen Bedingungen gehören nun einmal in erster Linie die Familien, in denen unsere Mädchen und Jungen heranwachsen. Und wieder kann ganz allgemein auf die Grundbedürfnisse hingewiesen werden. Sind sie in einer konkreten Familie gegeben, wird das Gefährdungspotential, das von pornografischen Darstellungen und dem Umgang mit diesem Material ausgeht geringer.


Wer sich dafür interessiert, wie pornografischen Einflüssen gegengesteuert werden kann, ist - wegen der Parallelität von Pornographie und Aggression - auch auf das Kapitel über aggressives Verhalten verwiesen.
Und als in der Sendung "Pornographie statt Aufklärung" der Sexualforscher Andreas Hill danach gefragt wurde, wie er bei seinen eigenen Kindern mit diesem Problem umgeht, antwortete er sinngemäß:
"Das Problem gibt es nicht. Meine Kinder haben so viel Interessen im sportlichen und musischen Bereichen, dass ihnen allein schon die Zeit fehlt, sich mit derartigen Angeboten zu befassen."
Und wenn nun jemand fragen sollte, wie zu schaffen ist, dass sich bei Kindern erst gar nicht destruktive Interessen herausbilden, der ist auf die Seite über die vorbeugenden Strategien gegen Aggressionen verwiesen. Dort steht, worauf geachtet werden kann.

 


© Dr. Joachim Rumpf
aktualisiert am 14.10.2007

 

 

Pornographie statt Aufklärung
Wie das Internet die Sexualentwicklung steuert

Autor: Wilm Hüffer
Redaktion: Anja Brockert
Regie: Günter Maurer
Sendung: Samstag 13.10.2007, 8.30 Uhr, SWR 2

 

Canziani, W.: Was Sie Ihrem Kind schon lange über Liebe und Sex sagen wollten. Sexualerziehung in der Familie. Zürich 1993

Elternbriefe des Arbeitskreises Neue Erziehung - dazu: Gisela Steppke-Bruhn im Online-Familienhandbuch

Kentler, H.: Eltern lernen Sexualerziehung. Reinbek 1981

Mönkemeyer, K.: Kindliche Sexualität heute. Weinheim 1993

Nitsch, C. u.a.: Sexualität im Familienalltag. München 1992

Weller, Konrad: Sexualität. Im: Online- Familienhadbuch

 

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