Hände weg vom Klinken putzen

 

 

 

Als K. bei der Bundeswehr seinen Wehrdienst ableistete, meldete er sich auf ein entsprechendes Inserat hin bei der Vertriebsorganisation eines Produkts für den Haushalt. Anlass für sein Interesse war sein Wunsch, sich ein Auto kaufen zu können. Und dafür reichte sein Wehrsold nicht hin und nicht her. Seinem Vater schickte er dann die ihm von der Gebietsleitung der Vertriebsorganisation überlassenen Informationen über deren Absichten und Ziele. Darin wurden die Vertreter „Berater“ genannt. Hier die Antwort des Vaters:



„…Du batest mich am Donnerstag das "Konzept zum Erfolg - Arbeitsanweisung für Berater“ einmal anzuschauen. Wir hatten ja an diesem Wochenende wenig Zeit füreinander, darum fasste ich meine Auffassung Freitag früh in einem Brief zusammen, den ich hier noch einmal abschreibe und Dir, etwas ergänzt, erneut vorlege.

Zunächst einige Grundsätze, die helfen können, derartige Angebote zu prüfen:

1. Einsatz von Zeit/Aussicht auf Verdienst

Eine solide Berufsausbildung ist die beste Investition. Die Höhe des Einkommens hängt, einen entsprechenden Beruf vorausgesetzt, stets vom persönlichen Enga­gement ab. Also von der Zeit und der Kraft, die aufgebracht wird, um es in ei­nem Beruf zu etwas zu bringen. Das gilt übrigens auch für Zeitsoldaten, also für den freiwilligen Dienst in der Bundeswehr. Da ist für Nebenjobs kein Platz mehr. Es gibt zurzeit für Dich kein "Sowohl-als auch" sondern (beruflich gesehen) nur ein "Entweder-oder"! Nutze Deine freie Zeit, um Freude und Erholung zu tanken! Wenn Du Kapazität frei hast und nebenher arbeiten kannst, dann tue ­das, was Dir später im Berufsleben nützlich sein kann!


2. Positives Denken

Positive Einstellungen sind ganz wichtig, wenn es um unsere Einstellungen zu uns selbst, zu unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten, Eigenschaften und Er­scheinungsbild geht. Es ist unverzichtbar, wenn wir an die denken, die uns nahe stehen, also an Menschen, die uns etwas bedeuten.
Positives Denken in den in dem Konzept wiedergegebenem "Vermarktungskonzept der Zukunft" heißt in den hier gemeinten Zusammenhängen "unkritisches Den­ken". Der Berater muss fest daran glauben, dass das Produkt gut und seine vorgesetzten Berater ehrlich und selbstlos sind. Der Berater darf nicht zweifeln und zum Beispiel danach fragen, ob die Produkte was taugen, ob deren Herstellung die Umwelt belastet oder ob die anderen Berater, Anleiter oder Organisationsleiter etwas ganz anderes im Sinn haben, als ihm zu helfen, reich zu werden. Dieses Konzept erinnert mich stark an die Scientology oder andere Sekten und Gruppen.


3. Finanzielle Risiken

Geld wird nicht umsonst gegeben. Waren und Dienstleistungen auch nicht. Äußerst kritisches Denken (Misstrauen) ist immer dann angebracht, wenn man vor Abschluss eines Geschäfts oder Vertrages nicht weiß, was man auf Mark und Pfennig genau einsetzen muss beziehungsweise riskiert. Man muss vor Beginn einer Transaktion, vor der Leistung einer Unterschrift stets genau wissen, mit welchen finanziellen Verpflichtungen heute und in Zukunft gerechnet werden muss.
In dem Konzept läßt sich nirgendwo ein Hinweis auf die exakte Höhe finanzieller Verpflichtungen finden; nicht einmal wie hoch der "Jahresbeitrag" ist, kann dem Papier entnommen werden. Man erfährt allerdings, dass die Firma X nur gegen Bargeld liefert. Ein recht zweifelhaftes Geschäftsgebaren von Unterneh­mern, die sich mit Tausenden von Beratern in einer Riesenfamilie vereint fühlen (S.13). Wo bleibt hier das Vertrauen unter den Familienangehörigen?
Wenn Du sorgfältig die Arbeitsanweisung prüfst, dann trägt man als Selbststän­diger ohne wirklich selbstständig und frei in seinen Entscheidungen zu sein, alle Risiken selbst.
Und zu den Beispielberechnungen: Wie will man nebenher die Zeit aufbringen 50 Kunden zu betreuen, für die man, um sie zu gewinnen, wenigstens die dreifache Zahl Kontakte knüpfen muss?
Ich kann mir gut vorstellen, dass viele es versucht haben. Von denen haben si­cher nicht wenige heute mehr Schulden bei der Lieferfirma, als Haare auf dem Kopf.


"Da ist was faul im Staate Dänemark"


Noch einige Bemerkungen zum Schluss, damit Missverständnisse ausgeschlossen sind: Du darfst natürlich tun und lassen was Du willst. Du hast gefragt - und hier sind unsere Bedenken.
Mehr noch: wir raten ausdrücklich von derartigen Abenteuern ab und haben kein Verständnis - weder für Geschäfte dieser Art noch für die, die sie betrei­ben. Du weißt ja, dass auch wir nichts "an der Haustür" oder über Vertreter kaufen…“